Das hatte ich mir einfacher vorgestellt. – Ich lese und
durchdenke die erste Bibelstelle und versuche Ordnung und einen Guss aus den
duzenden verschiedenen Gedanken zu machen. In den 14 Versen des Abschnitts sehe
ich viele unterschiedliche Allegorien und Ansprechhaltungen. Und wenn ich sie zu
erörtern versuche, merke ich selbst, dass diese Erörterung vermutlich für all
diejenigen unbefriedigend ist, die nur ein wenig vertraut sind mit dem
christlichen Glauben. Wer selbst glaubt oder auch nur mit dem Glauben aufwuchs,
merkt die erste zu querende Brücke vermutlich gar nicht, sondern geht
selbstverständlich darüber: den christlichen Gott und seine Personifizierung
anzunehmen. Ich dagegen sehe die Brücke sehr genau – und kann sie nicht
überqueren.
Dabei finde ich manche Sätze geradezu sympathisch. „Am
Anfang war das Wort.“ Das finde ich gut – als Journalistin und Autorin. Doch
eigentlich weiß ich: Vor dem Wort kommt der Ton. Wenn die Menschen den Inhalt
von Worten noch nicht wahrnehmen, reagieren sie doch schon auf deren Klang. –
Diesen Gedanken verfolgend überlege ich: Vielleicht hat Gott nicht zu jeder
Zeit direkt zu jedem sprechen können, dann ist das Wort – vermutlich seine
Gesetze, die Worte der Bibel – die beste Alternative.
Auch unbedingt nachdenkenswert fand ich Vers 8 (wenn ich
auch erst annahm, hier schriebe Johannes über sich selbst – Ruth erklärte, dass
der Text vom Evangelisten und Jünger Jesu stammt, der hier über Johannes den
Täufer schreibt): „Johannes war nicht das Licht. Er sollte nur ein Zeuge für
das kommende Licht sein.“ Johannes ist also der, der überliefert. Keine
Behauptung, er sei das Licht. – Ich dachte: Heute würden womöglich mehr
Menschen von sich behaupten, sie seien das Licht, als früher. Oder, wenn es die
Annahme, die Menschen würden immer schlimmer, damals wie heute gab bzw. gibt:
dass schon damals viele Menschen von sich behaupteten, sie seien das Licht und wie
gut es tut, wenn jemand mäßigend dagegensteht und sagt: Johannes der Täufer sei
nicht das Licht. Er sei Zeuge desjenigen, der das Licht ist – der Zeuge für Jesus’
Leben, Gottes Menschwerdung. (Ruth setzte in der Erklärung „Licht sein“ und „Erleuchtung
haben“ gleich – so weit hatte ich nicht gedacht.)
Viele Gedankenansätze bescherte mir schließlich auch Vers
13. Gottes Gnade gäbe es nicht dafür, Teil des auserwählten Volkes zu sein – zwar
ein Angriff auf den jüdischen Glauben, aber ein mir angenehmer Ansatz. Jedoch:
Auch menschliche Zeugung und Geburt genügten nicht für die Gnade. Wenn an
dieser Stelle stände: Sie genügten – das Buch wäre mein Buch! Aber es steht: „Dieses
neue Leben gab ihnen allein Gott.“ Und „neues Leben“ scheint gleichgesetzt mit
„Gottes Gnade“ – ein Gedanke, der zu umfassend ist, als dass ich ihn durchdringe.
Ich kann mir zwar intellektuell erschließen, dass der biologischen Geburt durch
die Taufe ein „neues Leben“, ein Leben im Leben (mit Gott in sich) folgt. Aber
wie sich das zu Gottes Gnade verhält, daran scheitere ich.
Ich verstehe Gnade als freundlich-herzlichen Akt ohne
Gegenleistung im Vor- oder Nachhinein. – Das würde Gott entweder willkürlich
machen (er gewährt die Gnade denen, die er – aus welchen Gründen auch immer –
mag und es ist egal, wie sie handeln) oder er müsste sie jedem Zuteil werden
lassen, dann würden menschliche Zeugung und Geburt doch genügen. Am
wahrscheinlichsten jedoch: Er verlangt eine Gegenleistung, nämlich, ihn
aufzunehmen. Was zu Jesus’ Lebzeiten vermutlich ganz real meinte, ihn ins Haus
aufzunehmen, was heute wahrscheinlich symbolisch zu verstehen ist, er müsse ins
Herz aufgenommen werden.
Fazit: Der Auftakt war eine Herausforderung. Ganz meistern
konnte ich sie nicht. Sowohl, weil ich nicht über die Brücke der Grundannahme
gehen kann, als auch weil ich mir manche Zusammenhänge allein nicht erschließen
konnte. Hinzu kommt, dass aus den verschiedenen Gedankenblitzen zu – in meiner
Wahrnehmung – verschiedenen Textabsichten kein Beitrag aus einem Guss geworden
ist.
Julia
* Johannes 1, Verse 1- 14 (Hoffnung für alle)
1 Am Anfang war das Wort. Das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott selbst. 2 Von Anfang an war es bei Gott. 3 Alles wurde durch das Wort geschaffen; nichts ist ohne das Wort entstanden. 4 In ihm war das Leben, und dieses Leben war das Licht für alle Menschen. 5 Es leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht auslöschen können. 6 Gott schickte einen Boten, einen Mann, der Johannes hieß. 7 Sein
Auftrag war es, die Menschen auf das Licht hinzuweisen. Alle sollten
durch seine Botschaft an den glauben, der das Licht ist. 8 Johannes selbst war nicht das Licht. Er sollte nur ein Zeuge für das kommende Licht sein. 9 Das wahre Licht ist der, der in die Welt gekommen ist, um für alle Menschen das Licht zu bringen. 10 Doch obwohl er unter ihnen lebte und die Welt durch ihn geschaffen wurde, erkannten ihn die Menschen nicht. 11 Er kam in seine Welt, aber die Menschen wiesen ihn ab. 12 Die ihn aber aufnahmen und an ihn glaubten, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden. 13 Das
wurden sie nicht, weil sie zu einem auserwählten Volk gehörten, auch
nicht durch menschliche Zeugung und Geburt. Dieses neue Leben gab ihnen
allein Gott. 14 Das
Wort wurde Mensch und lebte unter uns. Wir selbst haben seine göttliche
Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit, wie sie Gott nur seinem
einzigen Sohn gibt. In ihm sind Gottes Gnade und Wahrheit zu uns
gekommen.