Was sagten mir die Verse damals? Nicht viel, denn ich verstand kaum den Inhalt. Immerhin war ich erst 13 Jahre alt. Aber irgendwie ging es um die Geburt von Gottes Sohn.
Heute kann ich den Anfang des Kapitels immer noch auswendig aufsagen - nicht mehr ganz so textsicher, aber das Wichtigste ist hängen geblieben. Zumindest ist es der Beginn meines Lieblingsevangeliums (der vier Bücher im Neuen Testament, die das Leben und Wirken von Jesus zum Inhalt haben). Es ist die philosophischste Interpretation der Jesus-Geschichte und genauso beginnt es: Nicht mit dem historischen Jesus, sondern mit einer philosophischen Einleitung. Das Wort ist der Anfang von allem, alles ist durch das Wort erschaffen, in ihm ist das Leben, das Wort war bei Gott, Gott IST das Wort. Hier geht es um Jesus, der von Anbeginn in Einheit mit dem Vater die Welt erschaffen hat. Die Anfangsverse des Johannesevangeliums stellen eine Verbindung zur Schöpfungsgeschichte im Alten Testament her. Denn auch im 1. Buch Mose spricht Gott, und durch sein Wort wird die Welt.
Dass Johannes das Wort an den Anfang seiner Aufzeichnungen stellt, ist aber vielleicht noch ein anderer Hinweis: Glauben erwächst im christlichen Verständnis aus der Heiligen Schrift, denn sie ist die Grundlage und Richtwert dessen, was wir von Gott wissen. Wenn wir in diesem Jahr an die Reformation vor 500 Jahren erinnern, dann gehört auch dazu, dass durch Martin Luther Gottes Wort in deutscher Sprache Einzug in den Gottesdiensten fand - und somit überhaupt von normalen Menschen verstanden werden konnte.
Neben dem Wort, das die Welt erschafft, steht in diesem Bibelabschnitt das Bild des Lichts. Am Anfang sind Leben und Licht fast synonym verwendet - ohne Licht kann kein Wesen leben. Für mich persönlich sind das starke Worte, denn ich bin für meine seelische Gesundheit auf das Licht angewiesen. Im dunklen Winter werde ich buchstäblich lebensmüde.
Aber hier wird darüber hinaus das Licht in Bezug zur Finsternis gesetzt, die es aber nicht "ergreifen" kann. Dieses Licht kommt, um die Menschen zu erleuchten. Das sind grundlegende biblische Bilder für eine Unterteilung in die göttliche und gottlose geistliche Welt. Ein Heiligenschein um Jesu Haupt versinnbildlicht das auf alten Darstellungen. Dagegen wird der Teufel schwarz dargestellt, der Abgrund dunkel. Das heißt, dass das Leben mit Jesus um die finstere Seite weiß: die Versuchung, die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit. Nur kann die Finsternis das Licht eben nicht verdecken - und sei der Schein noch so klein.
Vers 11 nimmt ein trauriges Kapitel aus der Jesus-Geschichte vorweg: "Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen in nicht auf." Das ist bereits eine Anspielung auf die Kreuzigung in Jerusalem, weil die jüdischen Führer Jesus und seine Botschaft nicht anerkannten. Zieht man aber die nächsten Verse hinzu, geht es um die Entscheidung jedes einzelnen Menschen: Denn die, die ihn aufnehmen, gibt er Macht, Gottes Kinder zu werden. Darin zeigt sich die Auffassung des Neuen Testamentes, dass man nicht zu Gottes Volk per Geburt zählt, sondern eine persönliche Entscheidung den Grundstein legt, auf dem Gott dann baut.
Im Vers 14 wird das "Wort" vom Anfang wieder aufgegriffen. Nun ist es aber nicht mehr ein philosophischer Begriff, sondern leitet die Geschichte von Jesus ein: Das Wort ward Fleisch, wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. Hier spricht Johannes von dem Mensch gewordenen Gottessohn, der sein Leben mit uns Menschen teilte und den er als sein Jünger bezeugen kann. Er sah nämlich seine "Herrlichkeit (...) voller Gnade und Wahrheit" - was kann das bedeuten? Vielleicht soll es beschreiben, wie Jesus war (und ist): wahrhaftig, ohne Lüge, authentisch, echt und gnädig, den Menschen anschauend anstatt der Vorschrift oder dem Gesetz folgend, also liebevoll.
In diesem kurzen - nicht gerade leicht verständlichen - Text steckt soviel Grundlegendes meines christlichen Glaubens, dass ich selbst ganz erstaunt bin, wenn ich ihn heute wieder einmal lese.
RuthRoyal
* Johannes 1, Verse 1 - 14 ( (Lutherbibel Revidiert 2017) :
1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. 6 Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. 7 Der kam zum Zeugnis, damit er von dem Licht zeuge, auf dass alle durch ihn glaubten. 8 Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. 9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
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