Dienstag, 30. Mai 2017

Apostelgeschichte, Kapitel 1 und 2

Die Apostelgeschichte - das lerne ich neu bei meiner Recherche - stammt vermutlich wie das Lukasevangelium von Lukas dem Arzt. Er soll einer der frühesten "Heidenchristen" gewesen sein (ein Nicht-Jude also, der durch die Ereignisse, die in der Apostelgeschichte beschreibt, Christ geworden ist). Er stammte wohl aus Antiochia in Syrien, war selbst aber Grieche. Das wiederum erinnert mich an die alte christliche Tradition, die es im Nahen Osten gibt, auch in Syrien, von der jetzt so viel zerstört wird.
Zurück aber zum Thema: Paulus war ein Freund des Lukas und neben Lukas' eigenen Erfahrungen, die er als Reisebericht niedergeschrieben hat, wohl eine der wichtigsten Quellen über das Geschehene, wobei Lukas umfangreich recherchiert hat. Über Lukas lese ich außerdem, dass er historisch sehr genau arbeitet und etwa die Namen und Titel römischer Statthalter präzise nennt, wodurch seine zwei Werke (das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte) historisch sehr glaubwürdig und genau sind.
In der Apostelgeschichte wird die Ausbreitung des Evangeliums (also der Guten Nachricht über Jesus) von Jerusalem nach Rom beschrieben. Die Wunder, die darin vorkommen, sollen deutlich machen, dass eine neue Zeit angebrochen ist und dass diese Macht, die Jesus hatte, an seine Jünger und Anhänger weitergab. Folglich beginnt die Erzählung mit der Himmelfahrt Christi.
Bevor Jesus "vor ihren Augen emporgehoben" wird und in einer Wolke verschwindet (auch im Alten Testament verbarg sich die Herrlichkeit Gottes in einer Wolke), kündigt er an, dass seine Jünger "mit dem Heiligen Geist getauft" werden (Apg. 1, Vers 5), sie "die Kraft des Heiligen Geistes empfangen" und seine "Zeugen" sein werden  -. von Jerusalem über ganz Judäa und Samarien "bis an das Ende der Erde" (Vers 8).
An dieses von Jesus selbst angekündigte Pfingstwunder erinnern wir uns diese Woche. Selbst mir als Christ fällt es allerdings schwer, das damals Geschehene zu begreifen und für mich einzuordnen. Julia weist bereits darauf hin, dass - als es soweit ist - ein Tosen bzw. ein "Brausen" zu hören ist, "wie von einem gewaltigen Sturm" (Apg. 2, Vers 2). Vor gerade vier Stunden haben wir hier einen gewaltigen Sturm und Wolkenbruch erlebt, bei dem sogar Glasscheiben zu Bruch gegangen sind! Also eher etwas Furchteinflößendes... Allerdings war ich vorletzten Sonntag bei einen schönen Familiengottesdienst zum Thema Pfingsten, wo positive Auswirkungen des Windes vor unseren Augen demonstriert wurden: Wie Pusteblumen davon fliegen oder Federn leicht im Wind daher treiben, wie ein Schiffchen im Wasser durch den Wind vorankommt oder eine Wunde plötzlich nicht mehr so weh tut, wenn Mutti pustet.
Bei den Feuerzungen auf den Köpfen der Jünger steigt allerdings meine Vorstellungskraft aus. Wiederum ist das Predigen in zuvor fremden Sprachen - so dass auch die Juden, die aus anderen Ländern angereist waren, alles verstehen - doch eine sehr anschauliche Beschreibung, wie es ist, wenn man vom Heiligen Geist erfüllt ist. Ich begreife für mich den "Heiligen Geist" letztlich als Gottes Kraft in mir, seine gute Stimme, die zu mir redet, mir die richtigen Gedanken und auch Worte für andere gibt, wenn ich genau hinhöre. Ich habe bereits auf die mögliche weibliche Interpretation des Heiligen Geistes verwiesen, denn im Hebräischen handelt es sich um ein weibliches Wort, somit könnte der Heilige Geist in der Dreieinigkeit Gottes als eine mütterliche Kraft neben dem Vater und dem Sohn gesehen werden.
Ab Vers 14 ist die erste Predigt des Petrus wieder gegeben. Es fällt auf, dass er vor allem durch Verweise auf die Heilige Schrift der Juden (Altes Testament) die Zuhörer gewinnt, die allesamt Juden aus der Diaspora waren, die sich zum Pfingstfest (50 Tage nach Pessach) in Jerusalem versammelt hatten. Ab Vers 37 wird beschrieben, wie sie auf die Predigt reagieren und Reue zeigen dafür, dass Jesus von den Juden hingerichtet wurde. Petrus' Antwort: "Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes" (Vers 38). Das heißt, dass jeder Christ, der an Jesus glaubt und sich von ihm seine Sünden vergeben lassen will - und als Zeichen dafür mit Wasser getauft wird,  auch den Heiligen Geist empfängt. Das spricht für die Annahme, dass ab diesem Zeitpunkt Gottes Kraft nicht mehr nur außerhalb von mir zu finden ist, sondern auch in mir wohnt.
Es folgt eine Beschreibung der ersten christlichen Gemeinde. Sie ist ein wunderbarer Traum von friedlichem Zusammenleben, wie ihn seitdem Viele geträumt haben, einschließlich glühender Kommunisten und bekiffter Hippies: "Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander (...) hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim Volk." (Verse 44 - 47) Und es schließen sich täglich neue Christen dieser Gemeinschaft an.
Gemeinschaft mit anderen Christen ist bis heute ein wichtiger Pfeiler des Christlichen Glaubens. Nur wenige schaffen so eine ideale Gemeinschaft wie die ersten Christen - aber Klöster oder klosterähnliche Gemeinschaften, die bis heute auch neu gegründet werden, knüpfen an diesen Traum an. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Gemeinden, in denen ich eine enge Gemeinschaft erlebt habe (wie bei den Jesus Freaks) auch meinen Glauben bestärkt haben. Klösterliches Leben fasziniert mich ebenfalls.
Klar ist, dass wir Gott allein aus uns heraus nicht verstehen können, die Erfahrungen und Erklärungen von anderen bereichern und korrigieren uns auch. Das Teilen von Hab und Gut spiegelt sich bis heute im "freudigen Geben", z. B. während der Kollekte im Gottesdienst. (Der bürokratisch geregelte Einzug der Kirchensteuer ist dagegen etwas unromantisch, sollte letztlich aber auch dazu zählen. Die Frage ist, ob die inzwischen auch bürokratisch geregelten Kirchen in Deutschland dieses Geld auch sinnvoll einsetzen. In der Finanzierung von Diakonie oder Caritas sehe ich das jedenfalls so.)
Die ersten zwei Kapitel der Apostelgeschichte geben also einen guten Ausblick auf das, was Jesu Leben auf Erden bewirkte und was Gott weiter daraus machte. Ein schöner Schlußpunkt für unser Zehn-Wochen-Projekt, bei dem wir Vieles sehr kurz, aber doch vielleicht das Wichtigste aus der Bibel betrachtet haben. Ich hoffe, es hat zum Selbstlesen und Weiterlesen angeregt.

RuthRoyal

Quellen: Lutherbibel 2017 und Kommentar zur Bibel (von Guthrie, Motyer, R. Brockhaus Verlag Wuppertal 1980)

Apostelgeschichte, Kapitel 1 und 2

Dieser Teil der Apostelgeschichte ist ein geeigneter Abschnitt, um unser kleines, hiermit zu Ende gehende Projekt zu beschließen, beinhaltet er doch etwas von allem, was mir bei der Bibellektüre auffiel und wichtig wurde. Sechs Punkte will ich nennen. 
Der erste ist, dass mir Woche für Woche auffiel, wie viel Wissen mir fehlt, weil ich die Bibel nicht kenne. Beispiel: Ich hatte aus dem Ethikunterricht noch im Ohr, dass zwischen Ostern und Himmelfahrt 40 Tage liegen, hier erfuhr ich (wieder?), weshalb: „... und er (Jesus) ließ sich sehen unter ihnen (den Aposteln) vierzig Tage lang ...“ (Apostelgeschichte 1, Vers 3).
Der zweite Punkt betrifft den Inhalt des Gelesenen. Er ist in den zehn gewählten Ausschnitten sehr unterschiedlich gewesen, hat aber immer mindestens einen dieser Aspekte getroffen: spannende Geschichte zu sein, theologische oder religionsgeschichtlich etwas zu erklären, er zeigte mir bekannte Sprichwörter, Ausdrücke, Bilder oder erfreuliche Neologismen. Außerdem bot die Lektüre immer wieder Möglichkeiten, über das reine Bibelwort hinaus zu lesen und zu recherchieren. Vieles davon fand sich auch in unserem Abschnitt der Apostelgeschichte. So las er sich wie eine spannende Geschichte mit weitreichenden religions- und weltgeschichtlichen Folgen, z. B. wie Judas Iskariot als Apostel ausgemerzt wird und Matthias an seine Stelle tritt, um 12. Apostel zu werden (Apostelgeschichte 1, Vers 26). Wie ich durchs zusätzliche Kreuz- und Querlesen bei Wikipedia lernte, sollten es wohl deshalb zwölf Apostel sein, weil sie die zwölf Stämme Israel repräsentieren. Ich lese über Himmelfahrt (Apostelgeschichte 1, Vers 9) und das Pfingstwunder, demzufolge die Aussendung des Heiligen Geistes sich nicht wie ein durchscheinendes Tuch über die Gläubigen legte (so hatte ich es mir immer vorgestellt), sondern ein windiges Tosen im Haus der Jünger ist, das ihnen die plötzlich einsetzende Fähigkeit gibt, Gottes Werk in fremden Sprachen zu preisen.
Wie ich mittlerweile von Ruth gelernt habe, ist auch dieser Satz vermutlich bemerkenswert: „Diese (Apostel) hielten einmütig fest am Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ (Apostelgeschichte 1, Vers 14) Denn die Frauen beten hier einmütig, ich lese hinein: gleichberechtigt neben den Männern. Wobei der letzte Teilsatz mich fragen ließ, ob Jesus leibliche Brüder hatte oder Glaubensbrüder gemeint sind. Tatsächlich half auch hier Wikipedia, wo ich erfuhr, dass Jesus höchstwahrscheinlich tatsächlich leibhaftige Brüder hatte.
Ich lese aus dem Pfingstwunder auch heraus, dass Petrus hier mit den jüdischen Vorhersagen argumentiert, um Jesu Leben, Sterben und Gottes Wirken zu rechtfertigen. Offenbar waren er und die Erscheinungen beim Aussenden des Heiligen Geistes sehr überzeugend, denn es sollen 3.000 Menschen binnen kürzester Zeit der neuen Gemeinde folgen ("Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen." - Apostelgeschichte 2, Vers 41). Das klang für mich zuerst nach einer überraschend angenehmen Zahl, die Masse suggeriert, aber nicht übertreibt. – Allerdings stimmt der Gedanke nur für die heutige Zeit. Vor 2000 Jahren waren es natürlich wahnsinnig viele Menschen im Verhältnis zur Größe einer – auch großen – Stadt. Bei Wikipedia geht man davon aus, dass sie niedriger lag, gleichwohl enorm angewachsen war.
Und was macht diese Gruppe an Jüngern aus, diese "Jerusalemer Urgemeinde", wie sie bei Wikipedia heißt? Sie traf sich offenbar regelmäßig, teilte das Brot miteinander, lobte Gott und betete zu ihm, teilte Güter und Habe und „fand() Wohlwollen beim ganzen Volk“. Auch hier hilft das schlaue Wikipedia noch ein bisschen weiter. Hier fand ich den Aspekt interessant, dass man bei „... es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel“ (Matthäus 10) die Zuwendung der Apostel zu Kranken verstehen könne.
Punkt zwei also: Es ist absolut lohnenswert, Altes wie Neues Testament zu lesen. Folgt Punkt Drei und damit die Feststellung, dass ich vom Lesen wahrscheinlich nicht gläubig werde. Dass mir durchs Nicht-Glauben, viertens, der Zugang zu manchen Texten schlicht verschlossen bleibt – die von mir im ersten Beitrag bemühte Brücke, über die ich nicht gehen kann. - Oder nach Ruths Worten, man müsse sich schlicht dazu entschließen, zu glauben: nicht gehen will.
Mir persönlich hilft es, so ein Projekt mit wöchentlich konkreter Abgabe zu haben, das ist ein ganz praktisch orientierter Punkt Fünf. Wobei – sechster und letzter Punkt, der gleichwohl keine Rangfolge andeutet – das Lesen und Bearbeiten dadurch noch sinn- und wertvoller wurde, dass wir uns über den Blog ausgetauscht haben. Ruths Sichtweisen und die anderer waren eine weitere Interpretation, sie halfen mir nochmals anders auf den schon gelesenen Text zu sehen.

Vielen herzlichen Dank!

Julia

Samstag, 27. Mai 2017

Das Buch Ruth

Das Buch Ruth verfolge ich auf Grund meines Namens natürlich mit besonderem Interesse. (Und ich mag die Schreibweise ohne "h" ebenso überhaupt nicht!) Aber auch sonst hat es einiges Bemerkenswertes an sich: Zunächst einmal ist es eine der wenigen Geschichten, in der eine Frau im Zentrum des Geschehens steht, streng genommen sogar zwei Frauen. Neben Esther ist es das einzige Buch im Alten Testament, das nach einer Frau benannt wurde. (Zählt man die Bücher der Apokryphen nicht mit.)
Darüber hinaus geht es hier um eine Frau, die nicht zum jüdischen Volk gehört. Und trotzdem - wie schon Julia ganz richtig bemerkte - wird sie in direkter Linie als Vorfahrin des großen Königs David und damit auch von Jesus genannt! In den Ahnenreihen der Bibel werden hauptsächlich Männer aufgezählt. Ruth wird aber sogar am Anfang des Neuen Testaments genannt, nämlich in Matthäus 1, Vers 5 - als Vorfahrin Jesu.
Das Buch Ruth - so habe ich mir mal von einem Theologiestudenten erklären lassen - ist auch erzählerisch und sprachlich im Hebräischen eine besonders schöne Geschichte. Auf der einen Seite zoomt die Erzählung zur Mitte hin zeitlich und räumlich nah heran und entfernt sich danach wieder. Sie ist also vom Erzählaufbau her wohl durchdacht zum Höhepunkt hin geschrieben. Die Ereignisse verdichten sich, als Ruth versucht, Boas für sich zu gewinnen. Auf der anderen Seite sollen im Buch Ruth im Hebräischen schöne Wortspiele vorhanden sein (was ich aufgrund mangelnden Wissens nicht belegen kann).
Ich schätze hier auch, dass die Geschichte kurz und in sich geschlossen gelesen werden kann, trotzdem spannend ist und uns viel über das praktische Leben, aber auch die Rechtslage im damaligen Israel beibringt.
Inhaltlich sind zwei Dinge bemerkenswert: Es werden hier zwei Fluchtgeschichten erzählt. Die ins Land der Moabiter der Familie um Noomi, die aufgrund einer Hungersnot floh. Und die der Noomi mit ihren Schwiegertöchtern zurück, womit die Schwiegertöchter zu Fremden wurden. Anscheinend war es rechtlich so geregelt, dass die Schwiegertöchter in die Familie des Mannes integriert wurden und somit mitgehen mussten. Noomi erkennt, was das für ein Opfer für die jungen Frauen ist, und lässt sie frei. Ruth aber betont, ihre Treue zur Schwiegermutter (Ruth 1, Verse 16 b und 17). Der Name Ruth bedeutet "Freundschaft" oder "Freundin" und der Vers 16 b wird außerdem gerne als Trauspruch verwendet: "Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott."
Das sind, denkt man genau darüber nach, in unserer individualistisch geprägten Gesellschaft sehr herausfordernde Worte. Ruth gibt ihre eigene Identität ihres Volkes und sogar ihren (bisherigen) Glauben auf und ordnet sich ihrer Schwiegermutter ganz und gar unter. Und das, obwohl sie wirtschaftlich alles andere als abgesichert ist - denn kein männliches Familienmitglied ist mehr übrig, das heißt, es gibt keinerlei Versorgung für die Witwen. Mit diesem Satz sagt Ruth aber auch, dass sie dem Gott Noomis vertraut.
Im weiteren Verlauf kommt Gott gar nicht so explizit vor. Noomi ist eine weise Frau und gibt Ruth Tipps, wie sie es anstellen soll, einen guten Mann zu finden, der sie versorgt (und damit auch die Schwiegermutter), auch wenn er wohl nicht mehr ganz jung und (vielleicht) gut aussehend war. Ruth deckt in der Nacht, als Boas sich offensichtlich "guter Dinge" getrunken und schlafen gelegt hatte, seine Füße auf. Ob es nur die Füße waren? Denkbar ist auch, dass das nur eine Umschreibung ist und dass Ruth bei ihm den Eindruck erweckt, er habe mit ihr geschlafen. Eine weibliche erotische List also, obwohl Ruth bei ihm angesehen für ihre Ehrbarkeit ist, und er seine nun folgende Pflicht gerne erfüllen möchte. Als Zeichen dafür breitet er sein Gewand über ihr aus - sie soll also zu ihm gehören. Danach zoomt die Geschichte wieder zurück, es werden die rechtlichen Dinge um das Erbe und eine Heirat geregelt.
Am Ende (Ruth 4, Vers 13) wird Gott noch einmal erwähnt: Er "gab" ihr, "dass sie schwanger ward". Somit segnet er ihre Ehe, ihre Schwiegermutter und gibt Ruth einen bedeutenden Platz in der Geschichte seines Volkes. (Es ist auffallend, wie voll die Bibel von Geschichten zum Thema Unfruchtbarkeit/Kindersegen ist.  Noch heute sind in vielen Kulturen Kinder die Garantie für die Versorgung im Alter. Aber sie machen eben auch das Leben reicher und stiften ihren Eltern einen sehr greifbaren Sinn.)
Inhaltlich ziehe ich zwei Schlüsse aus der Geschichte Ruths: Gott beweist mal wieder, dass er die vom Rand der Gesellschaft (eine Fremde) ins Zentrum seines göttlichen Plans stellen kann. Er macht damit wieder mal etwas, was dem menschlichen Verstand zuwider läuft (man denke an die Seligpreisungen der Bergpredigt). Außerdem greift Gott gar nicht so direkt ins Leben der Ruth ein. Es gibt keine Belege, dass er selbst zu ihr gesprochen hätte. Sie wird als eine Frau beschrieben, die treu ist, auf klugen Rat hört, fleißig ist, sich in die Rechtslage und Gesellschaft integriert, aber auch ihre erotische Karte gut ausspielt. Für ihre vom Verstand her klugen Entscheidungen wird sie von Gott am Ende gesegnet und ebenso die Menschen, um sie herum. Ein Plädoyer also, seinen Verstand und sein Gottvertrauen, seine Hoffnung und die eigene Tat im Leben zu kombinieren - und nicht nur eines davon zu betonen und damit zu scheitern.

RuthRoyal

Quelle: Lutherbibel 2017

Donnerstag, 25. Mai 2017

Das Buch Ruth

Buch Ruth – neuerdings offenbar leider Rut, wie ich an mehreren Stellen feststellen musste. Das schöne, stabilisierende H scheint nicht mehr üblich, schade. Natürlich las ich es, schon meiner Mitautorin Ruths wegen mit besonderem Interesse. Und ich muss gestehen, als ich es – digital und unterwegs – Kapitel für Kapitel anschaute, war es wie bei einem Roman: Ich wollte weiterlesen, denn ich wollte wissen, wie es weitergeht. Das erste Fazit zum Buch ist also ein Kompliment an den/die Verfasser: eine handwerklich gute Geschichte.
Das zweite ist wieder die Feststellung einer Zeitreise, die umso stärker wirkte, als ich eine Übersetzung gewählt hatte, die dementsprechend auch sprachlich das Zeitreise-Gefühl unterstützte. Die historische Zeitreise brachte mich zurück in eine Welt, in der Frauen – offenbar üblicherweise, wenn auch nur in den eigenen Landesgrenzen – ihren Schwiegermüttern dorthin folgten, wohin diese gingen. Denn beide, Ruth und Orpa, wollten der „Schnüre“ (im Insel-Taschenbuch Nr. 152, Das Buch Ruth, für Schwiegermutter) folgen. Erst als Noomi sie davon abhalten möchte, weil sie in ihr Herkunftsland zurückkehrt, scheint die Tatsache, ihr dennoch zu folgen, unüblich zu sein. Wahrscheinlich weil die Schwiegertöchter in Noomis Herkunftsland Fremde sein werden und sich mit dem Dennoch-Mitgehen gegen die Bitte der Schwiegermutter stellen. Schwiegertochter Orpa kehrt denn auch um. Ruth geht mit ihrer „Schnüre“.
Wenn ich mir vergegenwärtige, was Ruth tut, ist es wahrlich bemerkenswert: Denn in der Fremde braucht es mindestens eine Generation um zu wurzeln. Ruth wird - so gesehen - nie Heimat in der Fremde finden. Es ist natürlich ein Liebesdienst mit ihrer Schwiegermutter mitzugehen. Doch mir erschießt sich nicht, was ich daraus für mein Leben schlussfolgern kann. Denn die Geschichte ist aus jüdisch-christlicher Sicht als Hinwendung zu ihrem Gott interpretierbar. Wer die Geschichte aus Sicht der Moabiter erzählen würde, der würde sie als Abkehr von ihrem Gott und ein Verlassen-Müssen der Heimat betrachten.
Zur Zeitreise kommen wieder schöne Versatzstücke Wissenswertes über die Vergangenheit. So lerne ich, dass es Menschen gab, die die Ähren lasen. Bei Wikipedia erfuhr ich, dass das zuweilen auch „stoppeln“ genannt wurde und lange Zeit weit verbreitet war für die Armen der Gesellschaft. Dass laut Bibelempfehlungen die Feldbesitzer so ernten sollten, dass etwas zum Sammeln und Stoppeln übrig blieb.
Ich lerne auch etwas über Sexualität, Familie, Heirat. Boas hatte wie ein anderer Verwandter das Recht und die Pflicht, die Frau des verstorbenen (ich las heraus: Bruders, aber hier meint es wohl: entfernteren) Verwandten zu heiraten, wenn diese kein Kind mit dem Verwandten bekommen hatte und anderweitig das Erbe aus der Familie herausfallen würde. Boas sorgt dafür, den Verwandten unter Zeugen zu treffen und ihn zu fragen, ob er Ruth erben möchte. Das vermag der Verwandte nicht. Also sagt Boas: „Ihr seid heute Zeugen, dass ich von Noomi alles gekauft habe, was dem Elimelech (Ehemann Noomis), und alles, was Kiljon (einer der zwei Söhne) und und Machlon (der andere Sohn) gehört hat. Dazu habe ich mir auch Ruth, die Moabiterin, die Frau Machlons, zur Frau genommen, dass ich den Namen des Verstorbenen erhalte auf seinem Erbteil und sein Name nicht ausgerottet werde unter seinen Brüdern und aus dem Tor seiner Stadt“ (Ruth Kapitel 4, Vers 9 und 10).
Ruth beeindruckt Boas, diesen kräftigen (Übersetzung seines Namens: in ihm ist Kraft/der Potente) und gutmütigen Mann (beides: Wikipedia), weil sie „nicht (...) den Jünglingen nachgegangen (ist), weder reich, noch arm“ und ein „tugendsam Weib“ sei (Ruth 3, Vers 10) und sich zu seinen Füßen legt (Ruth 3, Vers 7). Ich verstehe, dass Ruth hier dem offenbar weisen Rat ihrer Schwiegermutter folgt, aber die Handlung selbst lässt mich grübeln. Ich interpretiere das Zu-Füßen-Legen als Zeichen der Keuschheit, da ich annehme, dass sie sich, hätte sie sich aus Gründen der Begierde zu ihm gelegt, neben ihn gelegt hätte, und als Zeichen der Unterwerfung. – Andere Interpretationen sind mir jedoch sehr willkommen.
Abschließend noch ein Fazit, das mich für die nicht biblische, dafür wunderbar lebendige Ruth freut: Ihre Namenspatin war Urgroßmutter Davids und damit in direkter Linie mit Jesus verwandt. Da ich auf wenig wissenschaftliche Weise dem Gedanken des Nomen est omen anhänge, freue ich mich für sie.

Julia

Quelle: Lutherbibel 2017

Montag, 22. Mai 2017

Die Zehn Gebote - 2. Buch Mose, 19 und 20

Die Zehn Gebote sind wohl die bekannteste Bibelstelle, von der jeder schon mal etwas gehört hat. Auch wenn man die Gebote nicht aufsagen kann - ich selbst gebe sie nicht korrekt wider, obwohl ich auch die Zehn Gebote auswendig lernen musste.
Allgemeingültige ethische Regeln sind hier zu finden - etwa "nicht stehlen", "nicht töten" (im Urtext heißt es anscheinend "nicht morden", was noch einmal einen feinen Unterschied macht, denkt man etwa an Pazifismus und Selbstverteidgung im Krieg - aber das ist ein neues, großes Thema), "nicht falsch Zeugnis reden" (das heißt nicht lügen) usw. Es bleibt die Frage, ob diese Regeln damals bereits Konsens waren und hier Einzug in die Heilige Schrift hielten oder ob der Bibeltext spätere Rechtsprechung beeinflusste. Wir Menschen der westlichen Welt berufen uns jedoch auf diesen Text.
Die Parallelen zur Bergpredigt sind, wie bereits  hier erwähnt, sehr auffällig.
Interessant ist auch ein weiterer Hinweis, den ich in einem Kommentar las: In den ersten Geboten (2. Mose 20, Verse 1 bis 6) spricht Gott in der Ich-Person zu seinem Gegenüber: "Ich bin der Herr, Dein Gott..." Danach wechselt der Text zu Gott in der dritten Person, die direkte Ansprache des Gegenübers bleibt erhalten. Hier scheint ein Mittler zwischen Gott und Volk zu stehen, also Mose: "Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen... " (2. Mose 20, Vers 7).
Wikipedia erklärt außerdem, dass das Bilderverbot fundamental zu damaligen anderen Götterkulten stand. Gott behält sich vor, "wem und wie er sich offenbart". Die Zehn Gebote zeigten außerdem. dass Gott nicht im Kult repräsentiert, sondern im Sozialverhalten in allen Lebensbereichen verehrt werden will (siehe hier). Das finde ich eine bemerkenswerte Sicht auf die Zehn Gebote!
Liest man den Text unmittelbar um die Zehn Gebote herum, also ab Kapitel 19, wird deutlich, dass es sich auch um eine Geschichte von einer Gottesbegegnung handelt. Das war für mich, die ich die Zehn Gebote bereits lange und gut kenne, eine neue Entdeckung an diesem Text. Gott will zu seinem Volk reden und gibt ihm Regeln an die Hand, denn ein direkter Kontakt würde sie töten. Sie müssen also in gewisser Distanz ausharren (Kapitel 19, Vers 12). Ab Vers 16 wird Gottes Gegenwart als Donnern und Rauch beschrieben, weil "Gott im Feuer herabfährt". Im Kapitel 20, Vers 21 steht außerdem: "So stand das Volk von ferne, aber Mose nahte sich dem Dunkel, darinnen Gott war." Diese Gottesvorstellung erinnert mich eher an einen Comic als an einen Bibeltext, muss ich zugeben. Interessant ist trotzdem, dass ein so Ehrfurcht gebietender Gott ein sehr direktes und persönliches Angebot macht (das außerdem im Neuen Testament wieder aufgegriffen wird): "Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein" (Kapitel 19, Vers 6). Hier schließt Gott seinen Bund mit dem jüdischen Volk. Priester bedeutet ja, einen direkten Draht zu Gott haben, sich etwa im Gottesdienst ihm zu nähern, zu beten etc. Dieser alte Bund (deswegen auch Altes Testament) bedeutet aber, dass eben bestimmte Gesetze und Reinigungsvorschriften eingehalten werden müssen, damit man sich Gott nähern kann. Die Zehn Gebote sind quasi nur die grobe Grundlage, es folgen unendlich viele detailreiche Gesetze in der Bibel, die für uns kaum mehr nachvollziehbar sind. Dazu gehört, dass das Blut von Opfertieren symbolisch die Schuld von dem Menschen nimmt, der Gott begegnen will, was aber immer wieder neu geschehen muss.
Im Neuen Testament (= neuen Bund) nimmt Jesus als "Opferlamm", wie er auch bezeichnet wird, diese Unreinheit ein für allemal vom Menschen, so dass nichts zwischen diesem Heiligen Gott und dem Menschen mehr steht. Und hier gilt das Auserwähltsein eben auch nicht mehr nur dem jüdischen Volk, sondern allen gleichermaßen. Ich erinnere noch einmal an den zerissenen Vorhang im Tempel als Jesus am Kreuz stirbt.
Das heilige, auserwählte Volk Gottes zu sein, bedeutet aber immer noch Vorrecht und Verpflichtung in einem. Im 1. Petrusbrief, Kapitel 2, Vers 9 wird der Bund, den Gott mit Israel geschlossen hat, fast wortwörtlich auf Christen übertragen, d.h. auf die Menschen, die an Jesus glauben und seine Lehre annehmen: "Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht.". Im 1. Petrus, 2 zählt zu den Pflichten, Jesus als Herrn anzuerkennen, der von Gott kam, und ein rechtschaffenes Leben zu führen, Gutes tun aus Freiheit usw.
Das sind die absoluten Grundlagen des christlichen Glaubens und ich bin selbst erstaunt, wieviel davon bereits in dem Text über die Zehn Gebote steckt!

RuthRoyal

Quelle: Lutherbibel 2017

Dienstag, 16. Mai 2017

Die Zehn Gebote - 2. Buch Mose, 19 und 20

Die zehn Gebote – Ruth hat recht, sie sind nur folgerichtig (und wären natürlich auch vorausgeh-richtig), wenn man die Bergpredigt gelesen hat und als Jesus` Auslegung und Weiterentwicklung dieser Gebote versteht. Mir brachten sie die seit längerem erhoffte Möglichkeit, mich mit einer anderen Übersetzung zu beschäftigen.
Ich hatte schon vor langer Zeit von Martin Bubers ungewöhnlicher Übersetzung – oder eher Übertragung – der Bibel gelesen. Als Jude hatte er das Alte Testament ins Deutsche übertragen und ist nah an der Originalsprache geblieben, was Melodie und Textverständnis betrifft. Nun war diese Übersetzung nicht leicht zugänglich, aber es gab eine Internetseite, die immerhin ein paar Auszüge seiner Arbeit bereithält. Die zehn Gebote, bei ihm „Dekalog“, gehören dazu (Link zur Übertragung).
Sie klingen anders und enthalten wunderbare Wortneuschöpfungen. Denen unterstelle ich, dass sie nahe der Ausgangssprache sind. Ohne die bekanntere Übersetzung (bei mir dieses Mal: Lutherbibel 1984) hätte ich sie jedoch nicht verstanden. Ein typischer Satzbau hier liest sich so: „Nicht sei dir andere Gottheit mir ins Angesicht.“ (Auf der Internetseite werden keine Versnummern angegeben – aber es ist Vers 3.) Gleich darauf eine Wortschöpfung: „Nicht mache dir Schnitzgebild ...“ (Vers 4) Andere Beispiele dieser Fähigkeit, neue Wörter zu erschaffen: „ein Tagsechst“ (sechs Tage, die man arbeitet), „Gastsasse“ (in der Lutherbibel1984: „Fremdling“), „allirgend“ („... noch alles, was dein nächster hat“).
Ich glaube, dass Sprache etwas über die Wahrnehmung derer sagt, die sie nutzen. Wenn man der Annahme folgt, ist das Wort „Tagsechst“ einer Bemerkung wert. Hier wird die Woche wörtlich in ihre Einzelteile zerlegt, ohne dass man darüber nachdenken muss. Im Deutschen lässt sich aus „Woche“ nicht schlussfolgern, wie viele Tage sie beinhaltet. Ein anderes Beispiel ist dies: „Aussage nicht gegen deinen Genossen als Lügenzeugen.“ In der Lutherübersetzung: „Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ (Kapitel 20, Vers 16) Hier steckt für mich einerseits ein anderes Verhältnis der Menschen untereinander drin – sie sprechen von „Genossen“ (was für mich abzüglich der sozialistischen Prägung beinhaltet, dass es eine Gemeinschaft ist, die nicht verwandt ist, ich stelle mir gleich einen Kibbuz vor). Beglückend wie bezeichnend finde ich auch „Lügenzeugen“, denn das trifft ja den Kern von falscher Behauptung einer Wahrnehmung.
Inhaltlich sind die zehn Gebote natürlich eine sinnvolle Gesetzessammlung, die in den meisten Punkten bis heute nahezu überall im Recht zu finden ist. Mich stieß jedoch die harsche Haltung gegenüber Ungläubigen ab. Diesbezüglich freue ich mich über das bürgerliche Recht, das solcherlei Sippenhaft, womöglich noch nach Generationen, nicht kennt.

Julia

Quelle: Lutherbibel 1984

Mittwoch, 10. Mai 2017

Die Bergpredigt - Matthäus 5 - 7

Die Bergpredigt in Matthäus, Kapitel 5 bis 7, ist unheimlich dicht. Sicher ist es eine straffe Zusammenfassung der wichtigsten Jesus-Lehren. Übrigens ist sie auch von den Juden akzeptiert, denn Jesus legt hier als Rabbi ("Lehrer") die jüdische Thora aus.
Am Beginn stehen die Seligpreisungen der Schwachen. Es folgt, dass Jesus die Gesetze des Alten Testaments verstärkt (man beachte etwa die sehr strenge Auffassung vom Ehebruch!). Das Vaterunser, das wir bis heute beten, ist hier zuerst gelehrt worden. Schließlich sind viele grundsätzliche Sätze zum Glaubensleben hier zu finden. Auffällig sind die Betonung der Nächstenliebe, der Armut und Demut. Pazifisten beziehen sich auf die Bergpredigt und auch sonst ist sie in ihren Aussagen radikal, sorgt immer wieder für Zündstoff. Anscheinend schon damals, wie der der Schluss von Kapitel 7 nahelegt: "Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre, denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten." (Verse 28 und 29).
Ich denke, dass bis heute die Institution Kirche Probleme mit diesem Text haben muss, denn was Jesus hier lehrt, passt nicht gerade zu behördenähnlichen Strukturen, wie sie etwa in der Evangelischen Kirche in Deutschland zu finden sind. Auch ich persönlich muss schlucken, bei den Versen aus Kapitel 5, in denen Jesus die Gesetze Mose nochmal (endgültig) auslegt. So streng kann ich das doch kein Mensch einhalten!
Nicht ohne Grund gibt es hier die Parallele zur Bergbesteigung Moses, der auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote Gottes empfängt. Auch Jesus ist in diesem Abschnitt auf dem Berg, sinnbildlich Gott nahe, und wird Vertreter, der Gottes Willen an sein Volk weitergibt. In den 12 Jüngern findet sich darüberhinaus die Parallele zu den 12 Stämmen Israels - damit ist das gesamte jüdische (bzw. christliche) Volk angesprochen.
Was mir allerdings beim diesmaligen Lesen besonders aufgefallen ist: Es geht in der Bergpredigt auch mehrmals ganz praktisch ums Gebet und Gottvertrauen. Im Gegensatz zu den hohen ethischen Idealen, die viele Denker und auch andere Religionen beeinflusst haben, sind diese Vertrauens-Grundsätze relevant für meinen ganz persönlichen Umgang mit Gott.
In Kapitel 6 steht neben dem Vaterunser auch die Aufforderung, sich nicht um Essen und Kleidung zu sorgen: "Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft" (Vers 32). Wer wenig hat - so meine Erfahrung - muss Gott zwangsläufig mehr vertrauen und wird nicht von ihm enttäuscht. Würde ich einzelne Erlebnisse hier aufschreiben, würde das sicher den Rahmen sprengen. Ich kann nur so viel schreiben: Ich habe schon teilweise sehr wenig gehabt, manchmal nicht einmal mehr Geld, um mir etwas zu essen zu kaufen - und habe wahre Wunder in dieser Zeit erlebt. Je mehr ich allerdings finanziell abgesichert bin, desto mehr mache ich mir Sorgen - eigentlich ist das das Gegenteil von Gottvertrauen. So zeigt sich, welche (negative) Macht Geld und Besitz haben.
In Vers 33 folgt mein Konfirmationsspruch: "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen." Weil mir dieser Vers auf meinen Lebensweg mitgegeben wurde, bin ich vielleicht so wenig "Karrierebewusst" - allerdings ist es auch nicht immer einfach herauszufinden, was es heißt zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit zu suchen.
Auch in Kapitel 7 geht es noch einmal ums Gebet, kurz: Wer bittet, dem wird auch gegeben. (Vers 7) Im Umkehrschluss: Wer nicht fragt, bekommt nichts. Wer Gott nicht sucht, dem wird er sich nicht zeigen.
All diese Verse, sprechen mich immer wieder erneut an, wenn ich sie lese. Darin zeigt sich, dass sie für mein Leben wichtig sind, denn Gott zu vertrauen, ihm im Gebet sich anzuvertrauen, ist immer wieder eine neue Herausforderung und Entscheidung. Genauso wie man bei einer Beziehung (selbst wenn man verheiratet ist), das aneinander Festhalten immer wieder erneuern muss.

Dienstag, 9. Mai 2017

Bergpredigt - Matthäus 5-7

Wieder viel gelernt, wunderbar. Bei Texten wie diesem freue ich mich sehr über das Projekt, ohne das ich weder so zielgerichtet die bedeutenden Stellen herausgefunden, noch mich so intensiv mit den jeweiligen Stellen auseinander gesetzt hätte. Dieser Text spricht mich aufgrund seiner lebenspraktischen Ausrichtung zusätzlich an. Das war fast immer so, glaube ich. Denn auch während meines Studiums waren mir Philosophen, denen es um praktische Ethik ging, stets am liebsten. Und genau um die Frage nach dem richtigen Leben – hier gottgefälligen – geht es hier.Tatsächlich nickte ich innerlich beim Lesen häufig, denn viele Forderungen sind Grundlage unserer Werte geworden (u.a. niemanden zu töten, nicht fremdzugehen, Bescheidenheit). Einen Teil davon vernachlässige ich leider genauso, wie es offenbar die Altvorderen taten. Sonst müssten sie von Jesus nicht zu anderem Handeln aufgefordert werden. Das finde ich ebenfalls bemerkenswert (und wurde von Manu in einem frühen Beitrag schon mal bemerkt): Wenn die Menschen vor 2000 Jahren Hinweise fürs richtige Verhalten benötigten, die heute noch genauso gegeben werden müssen – dann scheint manches Fehl-Verhalten Teil der menschlichen Natur zu sein oder aus dem den Menschen eigenen Zusammenleben zu entstehen.Die Regeln, denen ich inhaltlich zustimme, scheinen mir jene früher ersehnten ethischen Hinweise zu sein. Ein Ideal wieder, das im alltäglichen Leben schwer erreichbar ist. In dieser Hinsicht glaube ich auch nicht, dass die Menschen sich zu Zeiten, als die Bibel nahezu alles war, was sie kannten, moralisch besser waren, also mehr nach dem lebten, was hier zu lesen ist. Ich denke nur, sie hatten danach eine marterndere Form des schlechten Gewissens. So nehme ich es an, da Jesus einem in dieser Rede einbläut: Der Herr sehe alles, auch, was im Verborgenen geschieht, die Gedanken, die Motivation hinter Taten.In vielen Kleinigkeiten überraschte mich die Bergpredigt. Schon grundlegend dadurch, dass sie deutlich länger ist, als ich erwartet hatte. Oder dadurch, dass Jesus darin das Vaterunser weitergibt, also die Betformel (Matthäus 6, Vers 9-13). Mir war nicht klar, dass sie so wörtlich (über Matthäus) von ihm stammt. Auch überraschend hat sie in der Einheitsübersetzung eine andere Gestalt als die Formel, die selbst mir als Nicht-Christin geläufig ist. Hier heißt es: „Unser Vater im Himmel,/dein Name werde geheiligt,/ dein Reich komme,/ dein Wille geschehe/ wie im Himmel, so auf der Erde./ Gib uns heute das Brot, das wir brauchen./ Und erlass uns unsere Schulden,/ wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben./ Und führe uns nicht in Versuchung,/ sondern rette uns vor dem Bösen.“ Dabei dachte ich, dass man etwas so Elementares nicht anders übersetzen kann. Auch überraschend fand ich die „Goldene Regel“ ( "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!" - Matthäus 7, Vers 12) wieder. Mir war nicht mehr gegenwärtig, dass sie aus der Bibel stammt.
Theologisch interessant fand ich, dass Jesus sich und seine Auslegung in diesen Versen als Fortführung des Alten Testaments begreift. Nicht als etwas Anderes. Hier sehe ich eine Ähnlichkeit zu Luthers Anliegen: Er wollte keine neue Kirche, sondern die Kirche neu, auch wenn sich das – in beiden Fällen – anders entwickelt hat.

Ein anderer Punkt führt jetzt etwas weiter weg, aber er beschäftigte mich bei dieser Lektüre und Ruths Interpretationen jedoch schon häufiger, und er passt wahrscheinlich nie wieder so gut wie hier. Deshalb auch er noch. In der Bergpredigt nehme ich Jesus auch als jemanden wahr, der Liebe und Versöhnung in den Mittelpunkt stellt. Wenn Ruth ihr Jesus-Bild erläutert, entsteht vor meinem Geiste ein liebevoller, warmherziger Gottessohn, der achtsam mit allem und allen umgeht und auf sie eingeht. Das wiederum erinnert mich an die sogenannte „Gewaltfreie Kommunikation“ (Guter Überblick wie üblich bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Gewaltfreie_Kommunikation), deren Name meines Erachtens etwas irreführend ist. Sie wird von Anwendern als Lebenshaltung bezeichnet und auch als Kindererziehungsmethode diskutiert. Hier soll der einzelne liebevoll zu sich und anderen sein, achtsam im Umgang, mit dem Geist dort sein, wo er gerade ist. – Ich sehe eine deutliche Parallele zwischen dieser modernen Haltung/Lebensethik und dem, wie Jesus ist – und wir Menschen bei Befolgung der Regeln der Bergpredigt auch sein könnten.

Julia

Quelle: Einheitsübersetzung

Mittwoch, 3. Mai 2017

Gastbeitrag zu 1. Korinther 13

Da ich nun schon zweimal in den letzten Beiträgen erwähnt wurde (einmal direkt, einmal in einer Korrektur) hier nun auch eine kleine Beigabe von mir zu diesem Bibeltext.
Wir befinden uns hier inmitten einer längeren Argumentation. Paulus spricht zu einer Gemeinde, die an vielen Stellen Probleme hat. Eines davon ist eine starke Überbetonung bestimmter Wundergaben, besonders des Redens in einer, dem Sprecher unbekannten, fremden Sprache. Unser Textteil wird dieser Ausrichtung der Korinther entgegengestellt. So beziehen sich die ersten drei Verse in umgekehrter Reihenfolge der Wichtigkeit auf: 1. Sprachen 2. (prophetische) Erkenntnisse und übernatürliche Glaubenskraft 3. Selbsthingabe auch für die Armen und bis hin zum eigenen Tod. Was nun verbindet besonders das dritte (und höchste) Element mit den beiden ersten? Sie werden, nicht nur von den Korinthern, als Dinge angesehen, die sie besonders auszeichnen, als „Werke“ im negativen Sinn, d.h. als Dinge, mit denen wir uns selbst einreden wollen vor Gott bestehen zu können. Und diesen stellt Paulus "agape" entgegen wobei sich hier zwei Bedeutungen dieses Wortes fruchtbar erweisen:
Erstens die offensichtliche, dass es sich um eine Liebe handelt, die tatsächlich vollkommen selbstlos ist und eben nichts für sich beansprucht. Diese kann nur aus dem Evangelium entspringen und als Gabe des Heiligen Geistes. Ich kann sie nicht aus meinem eigenen Willen zum Guten produzieren. (Warum? Siehe z.B. hier, hier oder hier.)
Zweitens ist es die Liebe Gottes, die sich in Christus und seinem Leben, Sterben und Auferstehen für uns erwiesen hat. Christus ist der Dreh und Angelpunkt des Neuen Terstaments, und wenn er tatsächlich wahrer Gott und Mensch ist, auch des Alten. Und – befreiender Weise – hat dies nichts mit mir und meinem Handeln zu tun. In dieser Bedeutung sagt Paulus: ohne die Liebe Christi für Dich wäre all das Nichts!
Ohne den oben beschriebenen Kontext ist es auch schwer, den Sinn ab Vers 8 zu erkennen: 8-10: Die für die Korinther so wichtigen Gaben sind endlich und alle Erkenntnis – die natürliche und übernatürliche – ebenso. Bezüglich der Geistesgaben ist dies übrigens – jedenfalls außerhalb der spezifischen pfingstlerisch-charismatischen Überzeugungen – ein historisches Faktum. Mit dem Vollkommenen in Vers 10 kann Paulus demnach nicht nur die Vollkommenheit des Reiches Gottes nach Christi Wiederkunft gemeint haben, sondern ebenso die Vollendung der göttlichen Offenbarung mit dem (damals noch ausstehenden) Tod des letzten Apostel und dem Ende der Gabe der Prophetie.
Vers 11 bezieht sich klar, mit den diesem Text folgenden Abschnitten, wieder auf die kindliche Lust der Korinther auf die Gaben, die sie im Sinne eines geistlichen Erwachsenwerdens ablegen sollen. Je nach der Auslegung des „Vollkommenen“ ist Vers 12 zu lesen.
Und nun noch die letzte Frage: Warum ist die Liebe größer als Glaube und Hoffnung? Weil alle drei sich auf Christus, seine Verheißungen (Versprechen) und seine Taten beziehen, aber Glaube und Hoffnung enden werden, wenn er, gemäß dieser Verheißungen, wiederkommt. "Agape", die Liebe Gottes zu allen seinen Geschöpfen, deren bloßes, schwaches Echo unsere "agape" nur sein kann, aber, ist in ihm als die Grundfeste der ganzen Schöpfung offenbart.
Alex



Dienstag, 2. Mai 2017

Das Hohelied der Liebe - 1. Korinther 13

Auch diese Bibelstelle ist ein Klassiker. Am geläufigsten sind sowohl Verse 4 bis 7 (die Beschreibung wie Liebe ist), als auch der Vers 13: "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen."
Julia hat bereits ganz richtig darauf verwiesen, dass hier im Griechischen das Wort "Agape" für Liebe steht. Gemeint ist damit die göttliche Liebe, die sich in ihrem Wesen von Eros, Storge und Philia unterscheidet, die menschliche Formen der Liebe sind. Allerdings wird im Neuen Testament "Agape" und "Philia", die freundschaftliche Liebe, oft sogar synonym verwendet, sodass bereits der Kirchenvater Augustinus darauf verwies, dass die Begriffe der göttlichen und menschlichen Liebe weitestgehend gleichwertig verwendet werden.
Wikipedia erklärt "Agape" auch als eine "von Gott inspirierte uneigennützige Liebe" und verweist darauf, dass sie "eine willentliche Entscheidung aus der Wertschätzung heraus ist, die jedem gebührt, während Philia sich auf Menschen richtet, mit denen man besonders verbunden sein möchte. Deswegen kann zu Agape (Liebe zum Mitmenschen wie zu sich selbst und zu Gott) aufgefordert werden, zu Philia nicht."
Soweit zu den Begrifflichkeiten. Auch wenn ich weiß, dass hier eine göttliche Liebe beschrieben wird, deren hohes Ideal kein Mensch erreichen kann, ist es meiner Meinung nach ganz klar eine Aufforderung auf diese Weise dem Nächsten zu begegnen. Ich denke bei der Beschreibung der Liebe in den Versen 4 bis 7 an einen Film, den ich 2010 im Kino sah: "Von Menschen und Göttern". In dem Film von Xavier Beauvois geht es um neun französische Trappistenmönche, die in Algerien in einem Kloster leben. Es wird meditativ ihr Tagesrhythmus gezeigt; wie sie beten, schweigen oder singen und sich um die Kranken aus dem muslimischen Dorf kümmern. Dann rückt der algerische Bürgerkrieg näher, die Mönche werden von Islamisten, aber auch vom Militär bedroht und entscheiden sich unter dem Intellektuellen Abt Christian, der auch den Koran kennt, ihre Feinde zu lieben - und bis zum Letzten auszuharren. Angst und Gewalt brechen ins Kloster ein, aber die Mönche bleiben.
Obwohl es von den filmerzählerischen Elementen her ein langweiliger Film ist, der auch noch mit theologischen Diskussionen aufwartet, sahen ihn in Frankreich nach seinem Erscheinen innerhalb weniger Wochen zwei Millionen Zuschauer. Eine Sehnsucht nach dieser Art von Liebe wird im Film geweckt, auch mich berührte diese Liebe zu Andersgläubigen sehr. Und zuallererst blieben die Mönche ja nicht wegen der Extremisten, die ihnen mit Gewalt begegneten, sondern wegen der Dorfbewohner, die zwar ihren christlichen Glauben nicht teilten, mit denen sie aber in Frieden gelebt hatten.
Schon oft habe ich von Christen gelesen, die bedrängt wurden - besonders von radikalen Moslems oder atheistischen Kommunisten. Ich habe wahre Geschichten (wie die aus dem Film) gehört, wie Christen in solchen Situationen eine geradezu übermenschliche Kraft geschenkt bekamen. Und ich habe persönlich Christen getroffen, die aus solchen Situationen fliehen mussten. Im letzten Jahr interviewte ich beispielsweise drei Iraner, die zum Christentum konvertiert waren - darauf steht im Iran die Todesstrafe! Setzt man diese Hintergründe an, bekommt die Liebe eine ganz neue Bedeutung, wie sie hier beschrieben wird.
Neu war mir an der Lutherbibel, die 2017 überarbeitet herausgegeben wurde, der Satz Liebe "lässt sich nicht erbittern". Das finde ich sehr herausfordernd und wunderschön zugleich.
Denn auch für uns ganz normale Christen, in unserem Alltag mit Partnern, Kindern, Mitmenschen darf die göttliche Liebe ein Vorbild und Ansporn sein, sich daran zu orientieren. Immer mit dem Wissen, dass ich noch "Stückwerk" vollbringe - dass ich nicht vollkommen sein kann, weil ich Mensch bin, der hier auf dieser Erde lebt.

RuthRoyal

Quelle: Lutherbibel 2017

"4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles."

Das Hohelied der Liebe - 1. Korinther 13

Ein Text, den ich auszugsweise kenne – als ansprechendes Stückwerk auf Postkarten oder in Liedern, in schöngeistiger Literatur, in Filmen, gern in Hochzeitszenen. – Ich glaube, diese Passagen sind deshalb populär, weil man sie unabhängig von der Bibel anwenden kann. Etwas, das auch ich bei diesem Kapitel versuchte.
Schon beim Anfang: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“ (Korinther 13, Vers 1) Vielleicht heißt das, man sei ohne liebevolle Absicht nur laut, ohne damit einen (wichtigen) Inhalt zu vermitteln. Und meint Vers 3 wirklich, dass die Selbstverbrennung einen Sinn hätte, etwas nütze, wie es an der Stelle heißt, aber eben nur mit Liebe? Bei dem Teilsatz „Erkenntnis vergeht“ dachte ich an Manu und fragte mich, ob sie darüber schreiben wird, da mir scheint, die eigene Erkenntnis ist das einzige, woran der sie erlebende Mensch festhalten kann. Und schreibe ich der Liebe die Eigenschaften zu, die ihr in mehreren Versen zugeschrieben werden? Geduld und Güte, sich nicht zu ereifern, sich zurückzuhalten, sich nicht größer zu machen, als sie ist (Korinther 13, Vers 4) und weiter: „Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“ (Verse 5-7) – Ist die Liebe so? Die Liebe, wie ich sie kenne? Zwischen zwei Liebenden? Zwischen Eltern und Kindern? Zwischen Freunden?
Geht es um diese Liebe überhaupt? – Diese darüber stehende Frage beantwortete ein in der Bibel Bewanderter am Wochenende, der damit all meine vorherigen Überlegungen ad absurdum führte. – Danke Alexander!
Er meinte: In diesem Text gehe es um Gottesliebe. Um Liebe zwischen zwei Menschen gehe es nicht. Im griechischen Original stehe an all diesen Stellen „Agape“, Gottesliebe. Sie sei klar zu unterscheiden von – beispielsweise – der zwischenmenschlichen Liebe, Eros.
Das macht mein vorheriges Ansinnen zunichte. Denn genau das versuchte ich: Den heutigen Liebesbegriff auf den knapp 2000 Jahre alten Text anzuwenden, den ich in einer Übersetzung lese, die im Grunde nur einen Liebesbegriff kennt. Denn natürlich kenne ich verschiedene Arten von Sympathie, Vertrauen, nun: Liebe – dennoch denke ich bei solchen Texten allein an die Liebe zwischen zwei Erwachsenen.
Ich glaube, diese Fehlinterpretation teile ich mit sehr vielen Menschen, die ohne Unterstützung diesen Abschnitt lesen. Durchaus möglich, dass diese Interpretation erst ab vorigem Jahrhundert um sich griff, weil erst dann das Bibellesen und regelmäßig ausgelegt zu bekommen, nicht mehr für jeden zum Alltag gehörte.
Wenn ich nun trotzdem meine Interpretation des Liebesbegriffs anlege, ist mein Fazit: Es wäre wunderbar, wenn die Liebe so wäre, wie beschrieben. Ich möchte, dass es stimmt. Doch die Liebe schwebt nicht irgendwo, um sich plötzlich auf die Dinge und Menschen zu legen. Wir Menschen sind es, die lieben. Für uns kann diese Beschreibung ein anzustrebendes Ideal sein. Im gelebten Alltag ist sie es nicht. Sind wir nicht derart liebend.


Julia


Quelle: Einheitsübersetzung