Dienstag, 30. Mai 2017

Apostelgeschichte, Kapitel 1 und 2

Die Apostelgeschichte - das lerne ich neu bei meiner Recherche - stammt vermutlich wie das Lukasevangelium von Lukas dem Arzt. Er soll einer der frühesten "Heidenchristen" gewesen sein (ein Nicht-Jude also, der durch die Ereignisse, die in der Apostelgeschichte beschreibt, Christ geworden ist). Er stammte wohl aus Antiochia in Syrien, war selbst aber Grieche. Das wiederum erinnert mich an die alte christliche Tradition, die es im Nahen Osten gibt, auch in Syrien, von der jetzt so viel zerstört wird.
Zurück aber zum Thema: Paulus war ein Freund des Lukas und neben Lukas' eigenen Erfahrungen, die er als Reisebericht niedergeschrieben hat, wohl eine der wichtigsten Quellen über das Geschehene, wobei Lukas umfangreich recherchiert hat. Über Lukas lese ich außerdem, dass er historisch sehr genau arbeitet und etwa die Namen und Titel römischer Statthalter präzise nennt, wodurch seine zwei Werke (das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte) historisch sehr glaubwürdig und genau sind.
In der Apostelgeschichte wird die Ausbreitung des Evangeliums (also der Guten Nachricht über Jesus) von Jerusalem nach Rom beschrieben. Die Wunder, die darin vorkommen, sollen deutlich machen, dass eine neue Zeit angebrochen ist und dass diese Macht, die Jesus hatte, an seine Jünger und Anhänger weitergab. Folglich beginnt die Erzählung mit der Himmelfahrt Christi.
Bevor Jesus "vor ihren Augen emporgehoben" wird und in einer Wolke verschwindet (auch im Alten Testament verbarg sich die Herrlichkeit Gottes in einer Wolke), kündigt er an, dass seine Jünger "mit dem Heiligen Geist getauft" werden (Apg. 1, Vers 5), sie "die Kraft des Heiligen Geistes empfangen" und seine "Zeugen" sein werden  -. von Jerusalem über ganz Judäa und Samarien "bis an das Ende der Erde" (Vers 8).
An dieses von Jesus selbst angekündigte Pfingstwunder erinnern wir uns diese Woche. Selbst mir als Christ fällt es allerdings schwer, das damals Geschehene zu begreifen und für mich einzuordnen. Julia weist bereits darauf hin, dass - als es soweit ist - ein Tosen bzw. ein "Brausen" zu hören ist, "wie von einem gewaltigen Sturm" (Apg. 2, Vers 2). Vor gerade vier Stunden haben wir hier einen gewaltigen Sturm und Wolkenbruch erlebt, bei dem sogar Glasscheiben zu Bruch gegangen sind! Also eher etwas Furchteinflößendes... Allerdings war ich vorletzten Sonntag bei einen schönen Familiengottesdienst zum Thema Pfingsten, wo positive Auswirkungen des Windes vor unseren Augen demonstriert wurden: Wie Pusteblumen davon fliegen oder Federn leicht im Wind daher treiben, wie ein Schiffchen im Wasser durch den Wind vorankommt oder eine Wunde plötzlich nicht mehr so weh tut, wenn Mutti pustet.
Bei den Feuerzungen auf den Köpfen der Jünger steigt allerdings meine Vorstellungskraft aus. Wiederum ist das Predigen in zuvor fremden Sprachen - so dass auch die Juden, die aus anderen Ländern angereist waren, alles verstehen - doch eine sehr anschauliche Beschreibung, wie es ist, wenn man vom Heiligen Geist erfüllt ist. Ich begreife für mich den "Heiligen Geist" letztlich als Gottes Kraft in mir, seine gute Stimme, die zu mir redet, mir die richtigen Gedanken und auch Worte für andere gibt, wenn ich genau hinhöre. Ich habe bereits auf die mögliche weibliche Interpretation des Heiligen Geistes verwiesen, denn im Hebräischen handelt es sich um ein weibliches Wort, somit könnte der Heilige Geist in der Dreieinigkeit Gottes als eine mütterliche Kraft neben dem Vater und dem Sohn gesehen werden.
Ab Vers 14 ist die erste Predigt des Petrus wieder gegeben. Es fällt auf, dass er vor allem durch Verweise auf die Heilige Schrift der Juden (Altes Testament) die Zuhörer gewinnt, die allesamt Juden aus der Diaspora waren, die sich zum Pfingstfest (50 Tage nach Pessach) in Jerusalem versammelt hatten. Ab Vers 37 wird beschrieben, wie sie auf die Predigt reagieren und Reue zeigen dafür, dass Jesus von den Juden hingerichtet wurde. Petrus' Antwort: "Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes" (Vers 38). Das heißt, dass jeder Christ, der an Jesus glaubt und sich von ihm seine Sünden vergeben lassen will - und als Zeichen dafür mit Wasser getauft wird,  auch den Heiligen Geist empfängt. Das spricht für die Annahme, dass ab diesem Zeitpunkt Gottes Kraft nicht mehr nur außerhalb von mir zu finden ist, sondern auch in mir wohnt.
Es folgt eine Beschreibung der ersten christlichen Gemeinde. Sie ist ein wunderbarer Traum von friedlichem Zusammenleben, wie ihn seitdem Viele geträumt haben, einschließlich glühender Kommunisten und bekiffter Hippies: "Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander (...) hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim Volk." (Verse 44 - 47) Und es schließen sich täglich neue Christen dieser Gemeinschaft an.
Gemeinschaft mit anderen Christen ist bis heute ein wichtiger Pfeiler des Christlichen Glaubens. Nur wenige schaffen so eine ideale Gemeinschaft wie die ersten Christen - aber Klöster oder klosterähnliche Gemeinschaften, die bis heute auch neu gegründet werden, knüpfen an diesen Traum an. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Gemeinden, in denen ich eine enge Gemeinschaft erlebt habe (wie bei den Jesus Freaks) auch meinen Glauben bestärkt haben. Klösterliches Leben fasziniert mich ebenfalls.
Klar ist, dass wir Gott allein aus uns heraus nicht verstehen können, die Erfahrungen und Erklärungen von anderen bereichern und korrigieren uns auch. Das Teilen von Hab und Gut spiegelt sich bis heute im "freudigen Geben", z. B. während der Kollekte im Gottesdienst. (Der bürokratisch geregelte Einzug der Kirchensteuer ist dagegen etwas unromantisch, sollte letztlich aber auch dazu zählen. Die Frage ist, ob die inzwischen auch bürokratisch geregelten Kirchen in Deutschland dieses Geld auch sinnvoll einsetzen. In der Finanzierung von Diakonie oder Caritas sehe ich das jedenfalls so.)
Die ersten zwei Kapitel der Apostelgeschichte geben also einen guten Ausblick auf das, was Jesu Leben auf Erden bewirkte und was Gott weiter daraus machte. Ein schöner Schlußpunkt für unser Zehn-Wochen-Projekt, bei dem wir Vieles sehr kurz, aber doch vielleicht das Wichtigste aus der Bibel betrachtet haben. Ich hoffe, es hat zum Selbstlesen und Weiterlesen angeregt.

RuthRoyal

Quellen: Lutherbibel 2017 und Kommentar zur Bibel (von Guthrie, Motyer, R. Brockhaus Verlag Wuppertal 1980)

Apostelgeschichte, Kapitel 1 und 2

Dieser Teil der Apostelgeschichte ist ein geeigneter Abschnitt, um unser kleines, hiermit zu Ende gehende Projekt zu beschließen, beinhaltet er doch etwas von allem, was mir bei der Bibellektüre auffiel und wichtig wurde. Sechs Punkte will ich nennen. 
Der erste ist, dass mir Woche für Woche auffiel, wie viel Wissen mir fehlt, weil ich die Bibel nicht kenne. Beispiel: Ich hatte aus dem Ethikunterricht noch im Ohr, dass zwischen Ostern und Himmelfahrt 40 Tage liegen, hier erfuhr ich (wieder?), weshalb: „... und er (Jesus) ließ sich sehen unter ihnen (den Aposteln) vierzig Tage lang ...“ (Apostelgeschichte 1, Vers 3).
Der zweite Punkt betrifft den Inhalt des Gelesenen. Er ist in den zehn gewählten Ausschnitten sehr unterschiedlich gewesen, hat aber immer mindestens einen dieser Aspekte getroffen: spannende Geschichte zu sein, theologische oder religionsgeschichtlich etwas zu erklären, er zeigte mir bekannte Sprichwörter, Ausdrücke, Bilder oder erfreuliche Neologismen. Außerdem bot die Lektüre immer wieder Möglichkeiten, über das reine Bibelwort hinaus zu lesen und zu recherchieren. Vieles davon fand sich auch in unserem Abschnitt der Apostelgeschichte. So las er sich wie eine spannende Geschichte mit weitreichenden religions- und weltgeschichtlichen Folgen, z. B. wie Judas Iskariot als Apostel ausgemerzt wird und Matthias an seine Stelle tritt, um 12. Apostel zu werden (Apostelgeschichte 1, Vers 26). Wie ich durchs zusätzliche Kreuz- und Querlesen bei Wikipedia lernte, sollten es wohl deshalb zwölf Apostel sein, weil sie die zwölf Stämme Israel repräsentieren. Ich lese über Himmelfahrt (Apostelgeschichte 1, Vers 9) und das Pfingstwunder, demzufolge die Aussendung des Heiligen Geistes sich nicht wie ein durchscheinendes Tuch über die Gläubigen legte (so hatte ich es mir immer vorgestellt), sondern ein windiges Tosen im Haus der Jünger ist, das ihnen die plötzlich einsetzende Fähigkeit gibt, Gottes Werk in fremden Sprachen zu preisen.
Wie ich mittlerweile von Ruth gelernt habe, ist auch dieser Satz vermutlich bemerkenswert: „Diese (Apostel) hielten einmütig fest am Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ (Apostelgeschichte 1, Vers 14) Denn die Frauen beten hier einmütig, ich lese hinein: gleichberechtigt neben den Männern. Wobei der letzte Teilsatz mich fragen ließ, ob Jesus leibliche Brüder hatte oder Glaubensbrüder gemeint sind. Tatsächlich half auch hier Wikipedia, wo ich erfuhr, dass Jesus höchstwahrscheinlich tatsächlich leibhaftige Brüder hatte.
Ich lese aus dem Pfingstwunder auch heraus, dass Petrus hier mit den jüdischen Vorhersagen argumentiert, um Jesu Leben, Sterben und Gottes Wirken zu rechtfertigen. Offenbar waren er und die Erscheinungen beim Aussenden des Heiligen Geistes sehr überzeugend, denn es sollen 3.000 Menschen binnen kürzester Zeit der neuen Gemeinde folgen ("Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen." - Apostelgeschichte 2, Vers 41). Das klang für mich zuerst nach einer überraschend angenehmen Zahl, die Masse suggeriert, aber nicht übertreibt. – Allerdings stimmt der Gedanke nur für die heutige Zeit. Vor 2000 Jahren waren es natürlich wahnsinnig viele Menschen im Verhältnis zur Größe einer – auch großen – Stadt. Bei Wikipedia geht man davon aus, dass sie niedriger lag, gleichwohl enorm angewachsen war.
Und was macht diese Gruppe an Jüngern aus, diese "Jerusalemer Urgemeinde", wie sie bei Wikipedia heißt? Sie traf sich offenbar regelmäßig, teilte das Brot miteinander, lobte Gott und betete zu ihm, teilte Güter und Habe und „fand() Wohlwollen beim ganzen Volk“. Auch hier hilft das schlaue Wikipedia noch ein bisschen weiter. Hier fand ich den Aspekt interessant, dass man bei „... es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel“ (Matthäus 10) die Zuwendung der Apostel zu Kranken verstehen könne.
Punkt zwei also: Es ist absolut lohnenswert, Altes wie Neues Testament zu lesen. Folgt Punkt Drei und damit die Feststellung, dass ich vom Lesen wahrscheinlich nicht gläubig werde. Dass mir durchs Nicht-Glauben, viertens, der Zugang zu manchen Texten schlicht verschlossen bleibt – die von mir im ersten Beitrag bemühte Brücke, über die ich nicht gehen kann. - Oder nach Ruths Worten, man müsse sich schlicht dazu entschließen, zu glauben: nicht gehen will.
Mir persönlich hilft es, so ein Projekt mit wöchentlich konkreter Abgabe zu haben, das ist ein ganz praktisch orientierter Punkt Fünf. Wobei – sechster und letzter Punkt, der gleichwohl keine Rangfolge andeutet – das Lesen und Bearbeiten dadurch noch sinn- und wertvoller wurde, dass wir uns über den Blog ausgetauscht haben. Ruths Sichtweisen und die anderer waren eine weitere Interpretation, sie halfen mir nochmals anders auf den schon gelesenen Text zu sehen.

Vielen herzlichen Dank!

Julia

Samstag, 27. Mai 2017

Das Buch Ruth

Das Buch Ruth verfolge ich auf Grund meines Namens natürlich mit besonderem Interesse. (Und ich mag die Schreibweise ohne "h" ebenso überhaupt nicht!) Aber auch sonst hat es einiges Bemerkenswertes an sich: Zunächst einmal ist es eine der wenigen Geschichten, in der eine Frau im Zentrum des Geschehens steht, streng genommen sogar zwei Frauen. Neben Esther ist es das einzige Buch im Alten Testament, das nach einer Frau benannt wurde. (Zählt man die Bücher der Apokryphen nicht mit.)
Darüber hinaus geht es hier um eine Frau, die nicht zum jüdischen Volk gehört. Und trotzdem - wie schon Julia ganz richtig bemerkte - wird sie in direkter Linie als Vorfahrin des großen Königs David und damit auch von Jesus genannt! In den Ahnenreihen der Bibel werden hauptsächlich Männer aufgezählt. Ruth wird aber sogar am Anfang des Neuen Testaments genannt, nämlich in Matthäus 1, Vers 5 - als Vorfahrin Jesu.
Das Buch Ruth - so habe ich mir mal von einem Theologiestudenten erklären lassen - ist auch erzählerisch und sprachlich im Hebräischen eine besonders schöne Geschichte. Auf der einen Seite zoomt die Erzählung zur Mitte hin zeitlich und räumlich nah heran und entfernt sich danach wieder. Sie ist also vom Erzählaufbau her wohl durchdacht zum Höhepunkt hin geschrieben. Die Ereignisse verdichten sich, als Ruth versucht, Boas für sich zu gewinnen. Auf der anderen Seite sollen im Buch Ruth im Hebräischen schöne Wortspiele vorhanden sein (was ich aufgrund mangelnden Wissens nicht belegen kann).
Ich schätze hier auch, dass die Geschichte kurz und in sich geschlossen gelesen werden kann, trotzdem spannend ist und uns viel über das praktische Leben, aber auch die Rechtslage im damaligen Israel beibringt.
Inhaltlich sind zwei Dinge bemerkenswert: Es werden hier zwei Fluchtgeschichten erzählt. Die ins Land der Moabiter der Familie um Noomi, die aufgrund einer Hungersnot floh. Und die der Noomi mit ihren Schwiegertöchtern zurück, womit die Schwiegertöchter zu Fremden wurden. Anscheinend war es rechtlich so geregelt, dass die Schwiegertöchter in die Familie des Mannes integriert wurden und somit mitgehen mussten. Noomi erkennt, was das für ein Opfer für die jungen Frauen ist, und lässt sie frei. Ruth aber betont, ihre Treue zur Schwiegermutter (Ruth 1, Verse 16 b und 17). Der Name Ruth bedeutet "Freundschaft" oder "Freundin" und der Vers 16 b wird außerdem gerne als Trauspruch verwendet: "Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott."
Das sind, denkt man genau darüber nach, in unserer individualistisch geprägten Gesellschaft sehr herausfordernde Worte. Ruth gibt ihre eigene Identität ihres Volkes und sogar ihren (bisherigen) Glauben auf und ordnet sich ihrer Schwiegermutter ganz und gar unter. Und das, obwohl sie wirtschaftlich alles andere als abgesichert ist - denn kein männliches Familienmitglied ist mehr übrig, das heißt, es gibt keinerlei Versorgung für die Witwen. Mit diesem Satz sagt Ruth aber auch, dass sie dem Gott Noomis vertraut.
Im weiteren Verlauf kommt Gott gar nicht so explizit vor. Noomi ist eine weise Frau und gibt Ruth Tipps, wie sie es anstellen soll, einen guten Mann zu finden, der sie versorgt (und damit auch die Schwiegermutter), auch wenn er wohl nicht mehr ganz jung und (vielleicht) gut aussehend war. Ruth deckt in der Nacht, als Boas sich offensichtlich "guter Dinge" getrunken und schlafen gelegt hatte, seine Füße auf. Ob es nur die Füße waren? Denkbar ist auch, dass das nur eine Umschreibung ist und dass Ruth bei ihm den Eindruck erweckt, er habe mit ihr geschlafen. Eine weibliche erotische List also, obwohl Ruth bei ihm angesehen für ihre Ehrbarkeit ist, und er seine nun folgende Pflicht gerne erfüllen möchte. Als Zeichen dafür breitet er sein Gewand über ihr aus - sie soll also zu ihm gehören. Danach zoomt die Geschichte wieder zurück, es werden die rechtlichen Dinge um das Erbe und eine Heirat geregelt.
Am Ende (Ruth 4, Vers 13) wird Gott noch einmal erwähnt: Er "gab" ihr, "dass sie schwanger ward". Somit segnet er ihre Ehe, ihre Schwiegermutter und gibt Ruth einen bedeutenden Platz in der Geschichte seines Volkes. (Es ist auffallend, wie voll die Bibel von Geschichten zum Thema Unfruchtbarkeit/Kindersegen ist.  Noch heute sind in vielen Kulturen Kinder die Garantie für die Versorgung im Alter. Aber sie machen eben auch das Leben reicher und stiften ihren Eltern einen sehr greifbaren Sinn.)
Inhaltlich ziehe ich zwei Schlüsse aus der Geschichte Ruths: Gott beweist mal wieder, dass er die vom Rand der Gesellschaft (eine Fremde) ins Zentrum seines göttlichen Plans stellen kann. Er macht damit wieder mal etwas, was dem menschlichen Verstand zuwider läuft (man denke an die Seligpreisungen der Bergpredigt). Außerdem greift Gott gar nicht so direkt ins Leben der Ruth ein. Es gibt keine Belege, dass er selbst zu ihr gesprochen hätte. Sie wird als eine Frau beschrieben, die treu ist, auf klugen Rat hört, fleißig ist, sich in die Rechtslage und Gesellschaft integriert, aber auch ihre erotische Karte gut ausspielt. Für ihre vom Verstand her klugen Entscheidungen wird sie von Gott am Ende gesegnet und ebenso die Menschen, um sie herum. Ein Plädoyer also, seinen Verstand und sein Gottvertrauen, seine Hoffnung und die eigene Tat im Leben zu kombinieren - und nicht nur eines davon zu betonen und damit zu scheitern.

RuthRoyal

Quelle: Lutherbibel 2017

Donnerstag, 25. Mai 2017

Das Buch Ruth

Buch Ruth – neuerdings offenbar leider Rut, wie ich an mehreren Stellen feststellen musste. Das schöne, stabilisierende H scheint nicht mehr üblich, schade. Natürlich las ich es, schon meiner Mitautorin Ruths wegen mit besonderem Interesse. Und ich muss gestehen, als ich es – digital und unterwegs – Kapitel für Kapitel anschaute, war es wie bei einem Roman: Ich wollte weiterlesen, denn ich wollte wissen, wie es weitergeht. Das erste Fazit zum Buch ist also ein Kompliment an den/die Verfasser: eine handwerklich gute Geschichte.
Das zweite ist wieder die Feststellung einer Zeitreise, die umso stärker wirkte, als ich eine Übersetzung gewählt hatte, die dementsprechend auch sprachlich das Zeitreise-Gefühl unterstützte. Die historische Zeitreise brachte mich zurück in eine Welt, in der Frauen – offenbar üblicherweise, wenn auch nur in den eigenen Landesgrenzen – ihren Schwiegermüttern dorthin folgten, wohin diese gingen. Denn beide, Ruth und Orpa, wollten der „Schnüre“ (im Insel-Taschenbuch Nr. 152, Das Buch Ruth, für Schwiegermutter) folgen. Erst als Noomi sie davon abhalten möchte, weil sie in ihr Herkunftsland zurückkehrt, scheint die Tatsache, ihr dennoch zu folgen, unüblich zu sein. Wahrscheinlich weil die Schwiegertöchter in Noomis Herkunftsland Fremde sein werden und sich mit dem Dennoch-Mitgehen gegen die Bitte der Schwiegermutter stellen. Schwiegertochter Orpa kehrt denn auch um. Ruth geht mit ihrer „Schnüre“.
Wenn ich mir vergegenwärtige, was Ruth tut, ist es wahrlich bemerkenswert: Denn in der Fremde braucht es mindestens eine Generation um zu wurzeln. Ruth wird - so gesehen - nie Heimat in der Fremde finden. Es ist natürlich ein Liebesdienst mit ihrer Schwiegermutter mitzugehen. Doch mir erschießt sich nicht, was ich daraus für mein Leben schlussfolgern kann. Denn die Geschichte ist aus jüdisch-christlicher Sicht als Hinwendung zu ihrem Gott interpretierbar. Wer die Geschichte aus Sicht der Moabiter erzählen würde, der würde sie als Abkehr von ihrem Gott und ein Verlassen-Müssen der Heimat betrachten.
Zur Zeitreise kommen wieder schöne Versatzstücke Wissenswertes über die Vergangenheit. So lerne ich, dass es Menschen gab, die die Ähren lasen. Bei Wikipedia erfuhr ich, dass das zuweilen auch „stoppeln“ genannt wurde und lange Zeit weit verbreitet war für die Armen der Gesellschaft. Dass laut Bibelempfehlungen die Feldbesitzer so ernten sollten, dass etwas zum Sammeln und Stoppeln übrig blieb.
Ich lerne auch etwas über Sexualität, Familie, Heirat. Boas hatte wie ein anderer Verwandter das Recht und die Pflicht, die Frau des verstorbenen (ich las heraus: Bruders, aber hier meint es wohl: entfernteren) Verwandten zu heiraten, wenn diese kein Kind mit dem Verwandten bekommen hatte und anderweitig das Erbe aus der Familie herausfallen würde. Boas sorgt dafür, den Verwandten unter Zeugen zu treffen und ihn zu fragen, ob er Ruth erben möchte. Das vermag der Verwandte nicht. Also sagt Boas: „Ihr seid heute Zeugen, dass ich von Noomi alles gekauft habe, was dem Elimelech (Ehemann Noomis), und alles, was Kiljon (einer der zwei Söhne) und und Machlon (der andere Sohn) gehört hat. Dazu habe ich mir auch Ruth, die Moabiterin, die Frau Machlons, zur Frau genommen, dass ich den Namen des Verstorbenen erhalte auf seinem Erbteil und sein Name nicht ausgerottet werde unter seinen Brüdern und aus dem Tor seiner Stadt“ (Ruth Kapitel 4, Vers 9 und 10).
Ruth beeindruckt Boas, diesen kräftigen (Übersetzung seines Namens: in ihm ist Kraft/der Potente) und gutmütigen Mann (beides: Wikipedia), weil sie „nicht (...) den Jünglingen nachgegangen (ist), weder reich, noch arm“ und ein „tugendsam Weib“ sei (Ruth 3, Vers 10) und sich zu seinen Füßen legt (Ruth 3, Vers 7). Ich verstehe, dass Ruth hier dem offenbar weisen Rat ihrer Schwiegermutter folgt, aber die Handlung selbst lässt mich grübeln. Ich interpretiere das Zu-Füßen-Legen als Zeichen der Keuschheit, da ich annehme, dass sie sich, hätte sie sich aus Gründen der Begierde zu ihm gelegt, neben ihn gelegt hätte, und als Zeichen der Unterwerfung. – Andere Interpretationen sind mir jedoch sehr willkommen.
Abschließend noch ein Fazit, das mich für die nicht biblische, dafür wunderbar lebendige Ruth freut: Ihre Namenspatin war Urgroßmutter Davids und damit in direkter Linie mit Jesus verwandt. Da ich auf wenig wissenschaftliche Weise dem Gedanken des Nomen est omen anhänge, freue ich mich für sie.

Julia

Quelle: Lutherbibel 2017