Mittwoch, 12. April 2017

Die Passionsgeschichte - Markus 14 und 15

Ein gut gewählter Text für Bibeleinsteiger. Mir haben die Passagen den Unterschied zwischen zu Kultur geronnenen Bibelelementen und der wirklichen  "Heiligen Schrift" gezeigt. Wobei mich diese kulturellen Elemente auch zuvor schon interessiert hatten. Zum Beispiel versuche ich auf Gemälden zu erkennen, welche Heiligen oder Bibelszene dargestellt sind – doch meist weiß ich es nicht. Ich kenne weder die Namen, noch die auf der Schrift basierenden Attribute.
Wie anders muss das Menschen, deren Wissen jenseits der Alltagserfahrung fast ausschließlich auf der Bibel beruhte gegangen sein. Sie konnten mit den Bildern etwas anfangen. Sie konnten sie lesen wie ich Bücher. Und wer selbst Künstler war, bediente sich ebenfalls dieser kraftvollen Bilder – um sie im Sinne seines Alltags auszumalen.
Wo zeigten sich die Unterschiede zwischen meiner Annahme und dem wirklich Geschriebenen? Bei Pilatus beispielsweise, den ich zuvor als böse annahm, da er derjenige ist, der Jesus’ Todesurteil vollstrecken lässt. Nun stellt sich heraus, er ist ein Menschenkenner: „Er merkte nämlich, dass die Hohepriester nur aus Neid Jesus an ihn ausgeliefert hatten.“ (Markus 15, Vers 10) Er lässt dem Volk die Wahl, ihn zu begnadigen, aber das lässt sich beeinflussen durch eben jene Hohepriester. Pilatus fragt das Volk nach Gründen seiner Forderung, Jesus zu kreuzigen: „Was hat er denn für ein Verbrechen begangen?“ (Markus 15, Vers 14) – Und das Volk antwortet nicht, sondern fordert wieder die Kreuzigung. – Mir scheint, ein der Wirklichkeit abgeschautes Verhalten von Reaktionen innerhalb einer Masse.
Ich hatte auch angenommen, Jesus trüge sein Kreuz selbst zur Richtstatt. Aber hier lese ich, dass es Simon von Zyrene täte. Wobei ich nicht weiß, ob ein anderer Evangelist die Situation anders beschrieb.
Wirklich überrascht war ich von der Erkenntnis, dass das am Kreuz stehende „INRI“ nicht eine bloße Beschreibung ist. Ich hatte das mit meinen Versatzstücken und unzähligen Bildern des Gekreuzigten mit dieser Inschrift geschlussfolgert: Es steht dort, weil Jesus „König der Juden“ war. – Aber nein: Es ist sein Schuldspruch, der Grund seiner Hinrichtung! „Und eine Aufschrift (auf einer Tafel) gab seine Schuld an: Der König der Juden.“ (Markus 15, Vers 25)
Auch schön fand ich, vom letzten Abendmahl zu lesen. Nicht nur, dass mir auch dazu gleich ein Bild vor Augen steht – da Vincis Abendmahl, auf dem ich außer Jesus leider wieder niemanden identifizieren kann –, sondern auch, weil ich hier lerne, wie die Formel des geteilten Brotes als Leib Christi und des geteilten Weins als sein Blut entstand. Da ich beim diesmaligen Lesen auch einen Blick in Anselms Grüns „Das große Buch der Evangelien“ warf, lernte ich, dass Markus hier die erste Beschreibung dieses Vorgangs gibt. Dass Jesus dieses Ritual selbst in seine Anhängerschaft einführte. Und dass das Weitergeben von Blut  im Judentum „eine personale Bedeutung“ hatte. „Blut ist Bild einer Liebe, die sich hingibt.“ (beides: S. 283)
Etwas ratlos lässt mich die Sterbeszene. Und dass „der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand“ und ihn so hat sterben sehen, dass der sagte: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ – Ich möchte keine Kreuzigung erleben, nehme aber an, dass die Menschen am Kreuz sonst anders sterben, so dass sein würdevoller Tod – mit einem Schrei – etwas Außergewöhnliches war. Anselm Grün weist darauf hin, dass Jesus Ausruf „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15, Vers 34), den ich als sehr traurig lese, auch beinhaltet, dass er sich in der Annahme verlassen zu sein, doch an den Vater wendet – durch die direkte Ansprache –, wodurch er doch seinen Halt in Gott findet.
Eine der spannendsten Figuren der Bibel ist sicher Judas. Auch sein Verrat wird ja thematisiert und erinnerte mich an ein Programm Ben Beckers „Ich, Judas“, in dem er Judas darstellt und dessen Leid spricht – einerseits auf Basis der Bibelstellen, andererseits mit zwei Interpretationen, eine von Walter Jens. Die ist wirklich bemerkenswert, steht doch dort unter anderem: Auch Judas wurde gebraucht – sonst hätte die Prophezeiung nicht wahr werden können!


Fazit: Ein guter Text für mich als Einsteigerin, insbesondere, um mehr über den christlichen Hintergrund des Abendlandes zu lernen.

Julia

Quelle: Einheitsübersetzung

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