Ein gut gewählter Text für Bibeleinsteiger. Mir haben die
Passagen den Unterschied zwischen zu Kultur geronnenen Bibelelementen und der
wirklichen "Heiligen Schrift" gezeigt. Wobei mich diese kulturellen Elemente auch zuvor
schon interessiert hatten. Zum Beispiel versuche ich auf Gemälden zu erkennen,
welche Heiligen oder Bibelszene dargestellt sind – doch meist weiß ich es
nicht. Ich kenne weder die Namen, noch die auf der Schrift basierenden
Attribute.
Wie anders muss das Menschen, deren Wissen jenseits der
Alltagserfahrung fast ausschließlich auf der Bibel beruhte gegangen sein. Sie
konnten mit den Bildern etwas anfangen. Sie konnten sie lesen wie ich Bücher. Und
wer selbst Künstler war, bediente sich ebenfalls dieser kraftvollen Bilder – um
sie im Sinne seines Alltags auszumalen.
Wo zeigten sich die Unterschiede zwischen meiner Annahme und
dem wirklich Geschriebenen? Bei Pilatus beispielsweise, den ich zuvor als böse
annahm, da er derjenige ist, der Jesus’ Todesurteil vollstrecken lässt. Nun
stellt sich heraus, er ist ein Menschenkenner: „Er merkte nämlich, dass die
Hohepriester nur aus Neid Jesus an ihn ausgeliefert hatten.“ (Markus 15, Vers 10)
Er lässt dem Volk die Wahl, ihn zu begnadigen, aber das lässt sich beeinflussen
durch eben jene Hohepriester. Pilatus fragt das Volk nach Gründen seiner
Forderung, Jesus zu kreuzigen: „Was hat er denn für ein Verbrechen begangen?“
(Markus 15, Vers 14) – Und das Volk antwortet nicht, sondern fordert wieder die
Kreuzigung. – Mir scheint, ein der Wirklichkeit abgeschautes Verhalten von
Reaktionen innerhalb einer Masse.
Ich hatte auch angenommen, Jesus trüge sein Kreuz selbst zur
Richtstatt. Aber hier lese ich, dass es Simon von Zyrene täte. Wobei ich nicht
weiß, ob ein anderer Evangelist die Situation anders beschrieb.
Wirklich überrascht war ich von der Erkenntnis, dass das am
Kreuz stehende „INRI“ nicht eine bloße Beschreibung ist. Ich hatte das mit
meinen Versatzstücken und unzähligen Bildern des Gekreuzigten mit dieser
Inschrift geschlussfolgert: Es steht dort, weil Jesus „König der Juden“ war. –
Aber nein: Es ist sein Schuldspruch, der Grund seiner Hinrichtung! „Und eine
Aufschrift (auf einer Tafel) gab seine Schuld an: Der König der Juden.“ (Markus
15, Vers 25)
Auch schön fand ich, vom letzten Abendmahl zu lesen. Nicht
nur, dass mir auch dazu gleich ein Bild vor Augen steht – da Vincis Abendmahl, auf dem ich außer Jesus leider wieder niemanden identifizieren kann
–, sondern auch, weil ich hier lerne, wie die Formel des geteilten Brotes als
Leib Christi und des geteilten Weins als sein Blut entstand. Da ich beim
diesmaligen Lesen auch einen Blick in Anselms Grüns „Das große Buch der
Evangelien“ warf, lernte ich, dass Markus hier die erste Beschreibung dieses
Vorgangs gibt. Dass Jesus dieses Ritual selbst in seine Anhängerschaft
einführte. Und dass das Weitergeben von Blut
im Judentum „eine personale Bedeutung“ hatte. „Blut ist Bild einer
Liebe, die sich hingibt.“ (beides: S. 283)
Etwas ratlos lässt mich die Sterbeszene. Und dass „der
Hauptmann, der Jesus gegenüberstand“ und ihn so hat sterben sehen, dass der
sagte: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ – Ich möchte keine
Kreuzigung erleben, nehme aber an, dass die Menschen am Kreuz sonst anders sterben,
so dass sein würdevoller Tod – mit einem Schrei – etwas Außergewöhnliches war.
Anselm Grün weist darauf hin, dass Jesus Ausruf „Mein Gott, warum hast du mich
verlassen?“ (Markus 15, Vers 34), den ich als sehr traurig lese, auch beinhaltet,
dass er sich in der Annahme verlassen zu sein, doch an den Vater wendet – durch
die direkte Ansprache –, wodurch er doch seinen Halt in Gott findet.
Eine der spannendsten Figuren der Bibel ist sicher Judas.
Auch sein Verrat wird ja thematisiert und erinnerte mich an ein Programm Ben
Beckers „Ich, Judas“, in dem er Judas darstellt und dessen Leid spricht –
einerseits auf Basis der Bibelstellen, andererseits mit zwei Interpretationen,
eine von Walter Jens. Die ist wirklich bemerkenswert, steht doch dort unter
anderem: Auch Judas wurde gebraucht – sonst hätte die Prophezeiung nicht wahr
werden können!
Fazit: Ein guter Text für mich als Einsteigerin,
insbesondere, um mehr über den christlichen Hintergrund des Abendlandes zu
lernen.
Julia
Quelle: Einheitsübersetzung
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