Die Passionsgeschichte, an die wir Christen in der Karwoche erinnern, ist voller menschlicher Abgründe: Verrat, Verleugnung, Angst, Macht, Anstachelung der Masse, die eine Hinrichtung fordert, Spott und schließlich der qualvolle Tod eines Unschuldigen und die Trauer seiner Hinterbliebenen.
Bilder von historisch nachgestellten Jesus-Filmen, von denen ich den ersten bereits als kleines Kind sah, vermischen sich mit Eindrücken aus den Nachrichten von heute. Oft frage ich Gott, wie Menschen anderen - zuallermeist schwächeren - Menschen maßloses Leid antun können. Ich bin bestürzt, zu welchen Gräueltaten die Menschheit auch heute noch fähig ist, gerade gegenüber Kindern, in entfernten Kriegsgebieten, aber auch ganz nah, bei uns.
Den Opfertod Jesu, der für meine Sünde stellvertretend starb, damit ich als Mensch Gott begegnen kann - das ist auch für mich als jahrelange Christin schwer zu begreifen. Aber dieses Zittern Jesu im Garten Gethsemane, als er die Einsamkeit spürt und Angst hat vor dem, was kommt (nichts Gutes!), das Verlassen-Sein von Gott am Kreuz, die Schmerzen, die Qualen und das Sterben selbst - das alles sagt mir, dass Jesus die Opfer versteht, dass er mitfühlt und mitleidet - weil er selbst ein Opfer war. Das ist ein Trost, wenn auch keine fertige Antwort auf meine Frage: Der Gottessohn kennt menschliches Leid.
Das Gefühl, aus dem der tiefe Aufschrei von Jesus rührt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Markus 15, Vers 34) - kenne ich als Christin in Ansätzen auch. Wenn mein Leben zur Last wird, wenn alles Gute verschwunden scheint, wenn mich Selbstzweifel oder Schmerzen quälen, wenn ich nicht verstehe, wie Gottes Weg mit mir weiter geht, da er so weit entfernt scheint. Aber kann ich dann auch sagen: "... nicht, was ich will, sondern, was du willst!" Markus 14, Vers 36)? Meistens nein. Welches Gottvertrauen Jesus hat, wenn er das kann!
Die Passionsgeschichte ist aber auch voller Hingabe: Das letzte Abendmahl wurde zum Zeichen auch für uns heutige Christen, dass Jesus bei uns ist. Wenn ich es mit anderen Christen feiere, ist es ein sehr wacher und starker Moment für mich - und wird bedeutungsvoller je öfter ich es tue.
Eine meiner Lieblingsstellen aus der Passionsgeschichte ist folgende: In dem Moment, in dem Jesus stirbt, zerreißt der Vorhang im Tempel - und zwar von oben nach unten (Markus 15, Vers 38). Das ist für mich eine faszinierende Beschreibung dafür, was der Tod von Jeus bedeutet. Das erschließt sich allerdings nur mit etwas Hintergrundwissen über den jüdischen Glauben: Der Tempel in Jerusalem hatte zwei Vorhänge - einen der den profanen Vorhof, den jeder betreten durfte, vom eigentlichen Tempel trennte, wo die Priester ihren Dienst verrichteten. Und einen, der wiederum das "Allerheiligste" abtrennte - den Teil, wo die Bundeslade mit den Tafeln der Zehn Gebote stand. Ins Allerheiligste durfte der Hohepriester nur ein Mal im Jahr und zwar mit einem Opferritual, bei dem u. a. der Vorhang mit Tierblut besprengt wurde. Das Allerheiligste stand für die Gegenwart Gottes und nur einem Mittler von Gottes Volk war es erlaubt, es zu betreten. Außerdem war der Vorhang mehrere Meter hoch - unwahrscheinlich, dass ihn ein Mensch von "oben an bis unten aus" zerreißen konnte. Diese Szene steht auch bei Matthäus und Lukas zentral. Sie wird damit gedeutet und später im Hebräerbrief aufgegriffen, dass Jesus als Hohepriester sich selbst opfert, damit der Weg zu Gottes Gegenwart (ins Allerheiligste) für alle Menschen gleichermaßen frei ist.
Ich gebe zu, dass es einiger Vorstellungskraft bedarf, dass für sich als Angebot Gottes zu deuten. Außerdem sind uns Opferrituale heute sehr fremd. Doch trotzdem finde ich es ein sehr starkes Bild.
RuthRoyal
Quelle: Lutherbibel 2017
Liebe Ruth,
AntwortenLöschenden zerreißenden Vorhang empfand ich auch als bemerkenswertes Bild. Mit Deinem Hintergrundwissen zu dessen Funktion ist es natürlich noch stärker, schön, dass Du das immer anbringst. Da lernt man gleich noch mal dazu.
Dein Bekenntnis, dass Du in besonders schweren Moment Dich nicht in Gottes Hände geben kannst, erstaunt mich. Als Nicht-Christin denke ich oft, dass es vielleicht einfacher wäre, wenn man in schweren Momenten, in großer Unsicherheit darin eine Kraft fände, sich zu sagen: Gott hat es so gefügt und hat seinen Plan. - Ich muss allerdings bekennen, dass ich das bisher nur bei einer Person in Praxis erlebt habe. Sie erstaunte mich sehr, als sie in großer Unsicherheit die Zukunft betreffend gewiss war, dass sich alles fügen würde. Zur der Zeit war ich in der gleichen, zuweilen sogar besseren Situation unsicher und unzufrieden. Die Person erklärte es nicht so, aber ich erklärte es mir mit ihrem Gottvertrauen.
Ich wünsche Dir ein frohes Osterfest!
Liebe Grüße
Julia