„Wenn Dreiecke sich einen Gott bilden würden, dann würden
sie ihm drei Seiten geben.“ So – ketzerisch? – sagte es Montesquieu. Und an
diesen Aphorismus erinnerte ich mich beim Lesen des Textes. Denn in der
Schöpfungsgeschichte im ersten Buch Mose formt ein Wesen, das einem Menschen
gleicht, aber perfekt und allmächtig ist, eben jene Menschen, die genau
aussehen wie er. Nun sehe ich zwar die Unterschiede: Montesquieus herausfordernde
Wahl, abstrakte, leblose Gegenstände für sein Gedankenspiel zu wählen. Ich sehe
auch, dass Religionen nicht im luftleeren Raum quasi aus dem Nichts entstehen wie
bei seiner Annahme, sondern dass sie eingebettet sind in eine Kultur,
beeinflusst von Vorgängern, Gehörtem, Erwünschtem, dem jeweiligen Zeitgeist.
Und genau so betrachte ich diesen Abschnitt der Bibel.
Für mich ist der christliche Schöpfungsmythos eben das: ein
Mythos. Etwas, das sich jemand – oder mehrere Personen, vielleicht auch über
viele Generationen und aus verschiedenen Quellen stammend – vor tausenden
Jahren überlegte, um die Entstehung der Welt zu erklären. Es mag dereinst einen
Anspruch gehabt haben, wahr zu sein. Mittlerweile weiß man, so entstand weder
die Welt, noch die Natur oder der Mensch.
Als ich anfing diese Verse zu lesen, überlegte ich, ob die
Abfolge der Tätigkeiten über die sechs Arbeitstage der wissenschaftlich
belegten Entwicklung der Erde entspricht – aber das tun sie nicht. Lediglich im
Punkt, dass der Mensch das (bisherige) Ende der Entwicklung – in den Versen:
Höhepunkt von Gottes Werk – ist, sind Wissenschaft und dieser Schöpfungsmythos einander
ähnlich.
Wie viel Wirklichkeit steckt in diesem Mythos? Wie halten es
Christen mit diesem Text? Ich habe mich schon ein paar Mal darüber mit
Gläubigen unterhalten, denn mich interessierte, ob sie als rationale Menschen
unserer Zeit diesen Text für bare Münze nehmen. Die Antwort war entweder ein
entschuldigendes Nein oder, dass sie Gottes Wirken im noch nicht restlos aufgeklärten
Teil der Weltentstehung und Tierentwicklung zum Homo sapiens sahen.
Ich kann mir allerdings vorstellen, dass der Text dort, wo
er nicht versucht, heute wissenschaftlich erforschte Phänomene zu erklären,
eine beruhigende Wirkung auf christliche Leser hat.
Zum Beispiel der dem Mythos zugrunde liegende Gedanke, dass
alles direkt von Gottes Hand erschaffen wurde, er sich um alles gekümmert hat.
Wie wir es vorfinden, so hat er es gefügt, so ist es richtig. Das meint
ausdrücklich auch: Der Mensch darf über die Tiere bestimmen. (1. Mose 1, Vers 26) Und
ebenso: Gott hat sich einen freien Tag verdient (1. Mose 2, Verse 1-3). Ich
schlussfolgere: Der Mensch also auch. – Das ist auch für mich, die ich schon mal über meine Kräfte arbeite, ein schöner Gedanke.
Mein Fazit dennoch: Dieser Text ließ mich nicht grübeln, er
forderte mich nicht heraus – er sprach mich allerdings auch fast gar nicht an.
Julia
Quelle: Lutherbibel 1984
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