Nun habe ich diese Zeilen drei Mal gelesen und was für mich bleibt, vermischt mit dem rudimentären Wissen über das Leben und Sterben, die Bedeutung von Jesus für die Christen, das ich schon vorher hatte, ist dieses: Ein Mensch, der offenbar für seine Überzeugung von einer besseren Welt lebte und von sich selbst als der Sohn Gottes sprach, wird von den Mächtigen gefürchtet. Sie wollen ihn beseitigt haben. Einer seiner Gefolgsmänner verrät ihn für ein paar Silberlinge. Und schließlich lässt sich auch der Mob, das gemeine Volk in aller Kürze davon überzeugen, dass dieser Mann, der bis dahin vor allem durch seine Barmherzigkeit aufgefallen war, sterben muss. Und zwar auf eine der grausamsten Arten, die jene Zeit zu bieten hatte: In einer Stunden anhaltenden Qual, bei lebendigen Leibe ans Kreuz genagelt. Jesus verteidigt sich nicht, er fügt sich. Bis zum Tode wird er verspottet von dumben Exemplaren der Menschheit.
Man kann aus einigen Aspekten dieser Geschichte viel Wahres über die Vergangenheit und Gegenwart des menschlichen Zusammenlebens lesen: Davon, dass die Botschaft vom Wohl für alle nicht automatisch bei allen Entzückung hervorruft. Von der Klebrigkeit der Macht und der Angst sie zu verlieren. Vom Egoismus des Einzelnen. Von der Verführbarkeit der Masse. Das sind für mich die mahnenden, die moralisierenden Momente dieser Geschichte.
Aber die Idealisierung eines vermeintlichen Opfertodes, die Identifikation mit Leid und Folter und der Glaube, dass eben das Erlösung bringen könne, das wird mir auf immer fremd bleiben. Ein von Qualen Gezeichneter, noch hängend am Folterinstrument, soll das Symbol für eine Religion sein, die Erlösung verspricht? Furchtbar, dass Menschen einst und heute für ihre Überzeugungen leiden oder gar sterben müssen. Aber meine Lehre daraus könnte niemals sein, den Opfern für ihr Opfer zu danken. Sondern eine Idee von Miteinander zu entwickeln, in der so etwas nicht mehr passiert. Es ist nun wahrlich nicht so, dass sich die christlich geprägte Welt in den auf Jesus Tod folgenden 2.000 Jahren besonders darin hervorgetan hätte.
Aber ich will hier nicht nur die bekannten religionskritischen Phrasen wiederholen (auch wenn sie mir zum Teil noch einmal sehr nah kommen beim Lesen in der Bibel). Deshalb schließe ich mit einem sehr persönlichen Gefühl, das mich schon seit meiner Jugendzeit bei der Lektüre alter Schriften begleitet: Das Erstaunen darüber, dass es schon seit Jahrtausenden alle Klugheit und alle Dummheit auf der Erde gibt. Und dass sich daran, jenseits der Einflüsse der Technik und universelleren Verfügbarkeit von Wissen, nicht viel geändert hat. Was sagt das aus über unsere Fähigkeit zur Erkenntnis? Und was über die Bedeutung von Religionen und anderen „Erkenntisschulen“?
Manu
Quelle: Luther-Übersetzung 1984

Liebe Manuela,
AntwortenLöschenwie hast du das wieder sehr schön zusammengefasst. Mich begeisterte insbesondere der letzte Abschnitt darüber, dass die Menschen im Guten wie im Schlechten sich über die Zeit so sehr ähneln. Darüber bin ich auch oft erstaunt, wenn auch nicht bei diesem Text, weil er mich auf einer anderen Ebene ansprach, so dass ich gar nicht auf diese Abstraktionsebene kam.
Liebe Grüße & ein schönes Osterfest
Julia