Dienstag, 4. April 2017

Die Schöpfungsgeschichte, 1. Mose 1,1 - 1. Mose 2, 4

 Ich beginne am Anfang. Das hatte ich auch vor einigen Jahren getan, als ich mir vornahm, „die Bibel“ zu lesen – ein Exemplar in braunem Kunstleder, mit Goldschnitt, das ich einst meiner Mutter schenkte und das dann doch in meinem Hausstand landete. Nun nehme ich es wieder zur Hand mit der Idee, dieses Mal etwas länger durchzuhalten als das Erste Buch Mose. Neun Wochen also, mit Ruth als Dramaturgin dieser Bibelreise.
Ich erinnere mich gut an das Staunen, das ich damals beim ersten Lesen der Schöpfungsgeschichte empfand. In meiner atheistischen Vorstellung hätte das ein Roman von ein paar hundert Seiten sein sollen. Eine klassische Geschichte vom Werden, deren Spannungsbogen durch Wortreichtum, detailreiche Naturschilderungen (es läuft schließlich aufs Paradies hinaus) und allerlei verzwickte Wendungen gespannt bleibt. Stattdessen eine Hymne auf nicht einmal zwei Seiten, die doch den Zündstoff für den einst erbittert geführten Kampf zwischen Naturwissenschaftlern und der Kirche liefert. Und der noch heute die Kinder von Kreationisten vom modernen Biologie- und Erdkundeunterricht fernhält.
Aber zunächst zum Text: Die Bibel sagt: Am Anfang war Gott und schuf Himmel und Erde. Über einer zunächst wüsten, leeren und finsteren Welt schwebte sein Geist. Ich mag das nicht wörtlich nehmen, sondern als Ausdruck der Grenze unseres Begreifens. Irgendetwas oder Irgendwer muss doch am Anfang gewesen sein. Es ist die Frage nach dem Anfang selbst, die dem innewohnt. In einer Welt, die wir stofflich begreifen, muss da nicht jemand den Stoff gewebt haben? Es ist die Urfrage, in der man sich aufs Unheilvollste verlieren kann und die die Frage nach dem Sinn schon mit anlegt. Die Idee eines Schöpfergottes mag dafür sorgen, dass die, die glauben, sich nicht verlieren. Er ist der Anfang von allem und hat zugleich keinen, weil er überirdisch ist und sich damit per se dem Begreifen entzieht.
Die Naturwissenschaft sagt freilich anderes. Aber ehrlich: Ich ermüde schon bei dem Gedanken daran, verstehen zu wollen, was Stephen Hawking uns über den Anfang unseres Universums und unserer Welt darin erklärt. Darüber, dass es entgegen unserer Alltagslogik womöglich gar keinen Anfang gab und damit auch keinen Raum für einen Schöpfer. Insofern kann ich nachvollziehen, dass sich die Religionen diese Welt mit Schöpfungsgeschichten erklären. Für mich gibt es da keine spürbare Wahrheit. Tatsächlich kann ich das eine so wenig fassen wie das andere. Und so bleibt für mich, die ich weder glaube noch begreife, die Frage nach dem Anfang tatsächlich eine Frage, in der ich mich verlieren kann.
Was mir noch aus diesen ersten Zeilen der Bibel im Gedächtnis bleibt? Auf jeden Fall die aus feministischer Sicht deutlich annehmbarere Vorstellung, Mann und Frau seien gleichermaßen und gleichberechtigt als Menschen „gemacht“. Und nicht etwa die Frau nur als Gehilfin für den (männlichen) Menschen aus eben diesem „gebaut“, wie es in der unmittelbar anschließenden zweiten Schöpfungsgeschichte erzählt wird. Und dann noch das aus ökologischer Sicht kaum annehmbare Naturverständnis, nach dem der Mensch sich die Welt, die Tiere, die Pflanzen untertan macht. Mir klingt das eher nach Dystopie denn nach Paradies. Bedauerlicherweise ist es aber nicht weit von der heutigen Wirklichkeit entfernt und ich frage mich, ob – sowohl bei der vermeintlichen Herrschaft des Mannes über die Frau als auch des Menschen über die Natur – die Bibel Ursprung oder schon Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen war.

Manu
Quelle: Lutherbibel 1984

1 Kommentar:

  1. Liebe Manuela,

    Dein Text ist zum Teil sehr philosophisch geworden, so dass man auch über ihn nachsinnt. Das ist schön. Wunderbar auch Deine punktgenaue Zusammenfassung dieses Abschnitts "... für mich, die ich weder glaube noch begreife ..."

    Eine Bereicherung.

    Julia

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