Ich beginne am Anfang. Das hatte ich auch vor einigen Jahren getan,
als ich mir vornahm, „die Bibel“ zu lesen – ein Exemplar in braunem
Kunstleder, mit Goldschnitt, das ich einst meiner Mutter schenkte und
das dann doch in meinem Hausstand landete. Nun nehme ich es wieder zur
Hand mit der Idee, dieses Mal etwas länger durchzuhalten als das Erste
Buch Mose. Neun Wochen also, mit Ruth als Dramaturgin dieser Bibelreise.
Ich erinnere mich gut an das Staunen, das ich damals beim ersten
Lesen der Schöpfungsgeschichte empfand. In meiner atheistischen
Vorstellung hätte das ein Roman von ein paar hundert Seiten sein sollen.
Eine klassische Geschichte vom Werden, deren Spannungsbogen durch
Wortreichtum, detailreiche Naturschilderungen (es läuft schließlich aufs
Paradies hinaus) und allerlei verzwickte Wendungen gespannt bleibt.
Stattdessen eine Hymne auf nicht einmal zwei Seiten, die doch den
Zündstoff für den einst erbittert geführten Kampf zwischen
Naturwissenschaftlern und der Kirche liefert. Und der noch heute die
Kinder von Kreationisten vom modernen Biologie- und Erdkundeunterricht
fernhält.
Aber zunächst zum Text: Die Bibel sagt: Am Anfang war Gott und
schuf Himmel und Erde. Über einer zunächst wüsten, leeren und finsteren
Welt schwebte sein Geist. Ich mag das nicht wörtlich nehmen, sondern als
Ausdruck der Grenze unseres Begreifens. Irgendetwas oder Irgendwer muss
doch am Anfang gewesen sein. Es ist die Frage nach dem Anfang selbst,
die dem innewohnt. In einer Welt, die wir stofflich begreifen, muss da
nicht jemand den Stoff gewebt haben? Es ist die Urfrage, in der man sich
aufs Unheilvollste verlieren kann und die die Frage nach dem Sinn schon
mit anlegt. Die Idee eines Schöpfergottes mag dafür sorgen, dass die,
die glauben, sich nicht verlieren. Er ist der Anfang von allem und hat
zugleich keinen, weil er überirdisch ist und sich damit per se dem
Begreifen entzieht.
Die Naturwissenschaft sagt freilich anderes. Aber ehrlich: Ich
ermüde schon bei dem Gedanken daran, verstehen zu wollen, was Stephen
Hawking uns über den Anfang unseres Universums und unserer Welt darin
erklärt. Darüber, dass es entgegen unserer Alltagslogik womöglich gar
keinen Anfang gab und damit auch keinen Raum für einen Schöpfer.
Insofern kann ich nachvollziehen, dass sich die Religionen diese Welt
mit Schöpfungsgeschichten erklären. Für mich gibt es da keine spürbare
Wahrheit. Tatsächlich kann ich das eine so wenig fassen wie das andere.
Und so bleibt für mich, die ich weder glaube noch begreife, die Frage
nach dem Anfang tatsächlich eine Frage, in der ich mich verlieren kann.
Was mir noch aus diesen ersten Zeilen der Bibel im Gedächtnis
bleibt? Auf jeden Fall die aus feministischer Sicht deutlich
annehmbarere Vorstellung, Mann und Frau seien gleichermaßen und
gleichberechtigt als Menschen „gemacht“. Und nicht etwa die Frau nur als
Gehilfin für den (männlichen) Menschen aus eben diesem „gebaut“, wie es
in der unmittelbar anschließenden zweiten Schöpfungsgeschichte erzählt
wird. Und dann noch das aus ökologischer Sicht kaum annehmbare
Naturverständnis, nach dem der Mensch sich die Welt, die Tiere, die
Pflanzen untertan macht. Mir klingt das eher nach Dystopie denn nach
Paradies. Bedauerlicherweise ist es aber nicht weit von der heutigen
Wirklichkeit entfernt und ich frage mich, ob – sowohl bei der
vermeintlichen Herrschaft des Mannes über die Frau als auch des Menschen
über die Natur – die Bibel Ursprung oder schon Abbild
gesellschaftlicher Entwicklungen war.
Manu
Quelle: Lutherbibel 1984

Liebe Manuela,
AntwortenLöschenDein Text ist zum Teil sehr philosophisch geworden, so dass man auch über ihn nachsinnt. Das ist schön. Wunderbar auch Deine punktgenaue Zusammenfassung dieses Abschnitts "... für mich, die ich weder glaube noch begreife ..."
Eine Bereicherung.
Julia