Buch Ruth – neuerdings offenbar leider Rut, wie ich an
mehreren Stellen feststellen musste. Das schöne, stabilisierende H scheint
nicht mehr üblich, schade. Natürlich las ich es, schon meiner Mitautorin Ruths wegen mit
besonderem Interesse. Und ich muss gestehen, als ich es – digital und unterwegs
– Kapitel für Kapitel anschaute, war es wie bei einem Roman: Ich wollte
weiterlesen, denn ich wollte wissen, wie es weitergeht. Das erste Fazit zum
Buch ist also ein Kompliment an den/die Verfasser: eine handwerklich gute
Geschichte.
Das zweite ist wieder die Feststellung einer Zeitreise, die
umso stärker wirkte, als ich eine Übersetzung gewählt hatte, die
dementsprechend auch sprachlich das Zeitreise-Gefühl unterstützte. Die
historische Zeitreise brachte mich zurück in eine Welt, in der Frauen –
offenbar üblicherweise, wenn auch nur in den eigenen Landesgrenzen – ihren
Schwiegermüttern dorthin folgten, wohin diese gingen. Denn beide, Ruth und
Orpa, wollten der „Schnüre“ (im Insel-Taschenbuch Nr. 152, Das Buch Ruth, für
Schwiegermutter) folgen. Erst als Noomi sie davon abhalten möchte, weil sie in
ihr Herkunftsland zurückkehrt, scheint die Tatsache, ihr dennoch zu folgen,
unüblich zu sein. Wahrscheinlich weil die Schwiegertöchter in Noomis
Herkunftsland Fremde sein werden und sich mit dem Dennoch-Mitgehen
gegen die Bitte der Schwiegermutter stellen. Schwiegertochter Orpa kehrt denn
auch um. Ruth geht mit ihrer „Schnüre“.
Wenn ich mir vergegenwärtige, was Ruth tut, ist es wahrlich
bemerkenswert: Denn in der Fremde braucht es mindestens eine Generation um zu
wurzeln. Ruth wird - so gesehen - nie Heimat in der Fremde finden. Es ist natürlich
ein Liebesdienst mit ihrer Schwiegermutter mitzugehen. Doch mir erschießt sich
nicht, was ich daraus für mein Leben schlussfolgern kann. Denn die Geschichte
ist aus jüdisch-christlicher Sicht als Hinwendung zu ihrem Gott
interpretierbar. Wer die Geschichte aus Sicht der Moabiter erzählen würde, der
würde sie als Abkehr von ihrem Gott und ein Verlassen-Müssen der Heimat betrachten.
Zur Zeitreise kommen wieder schöne Versatzstücke
Wissenswertes über die Vergangenheit. So lerne ich, dass es Menschen gab, die
die Ähren lasen. Bei Wikipedia erfuhr ich, dass das zuweilen auch „stoppeln“ genannt wurde und lange Zeit weit
verbreitet war für die Armen der Gesellschaft. Dass laut Bibelempfehlungen die
Feldbesitzer so ernten sollten, dass etwas zum Sammeln und Stoppeln übrig blieb.
Ich lerne auch etwas über Sexualität, Familie, Heirat. Boas
hatte wie ein anderer Verwandter das Recht und die Pflicht, die Frau des
verstorbenen (ich las heraus: Bruders, aber hier meint es wohl: entfernteren)
Verwandten zu heiraten, wenn diese kein Kind mit dem Verwandten bekommen hatte
und anderweitig das Erbe aus der Familie herausfallen würde. Boas sorgt dafür,
den Verwandten unter Zeugen zu treffen und ihn zu fragen, ob er Ruth erben möchte.
Das vermag der Verwandte nicht. Also sagt Boas: „Ihr seid heute Zeugen, dass ich
von Noomi alles gekauft habe, was dem Elimelech (Ehemann Noomis), und alles,
was Kiljon (einer der zwei Söhne) und und Machlon (der andere Sohn) gehört hat.
Dazu habe ich mir auch Ruth, die Moabiterin, die Frau Machlons, zur Frau
genommen, dass ich den Namen des Verstorbenen erhalte auf seinem Erbteil und
sein Name nicht ausgerottet werde unter seinen Brüdern und aus dem Tor seiner
Stadt“ (Ruth Kapitel 4, Vers 9 und 10).
Ruth beeindruckt Boas, diesen kräftigen (Übersetzung seines
Namens: in ihm ist Kraft/der Potente) und gutmütigen Mann (beides: Wikipedia), weil sie „nicht (...)
den Jünglingen nachgegangen (ist), weder reich, noch arm“ und ein „tugendsam
Weib“ sei (Ruth 3, Vers 10) und sich zu seinen Füßen legt (Ruth 3, Vers 7). Ich
verstehe, dass Ruth hier dem offenbar weisen Rat ihrer Schwiegermutter folgt,
aber die Handlung selbst lässt mich grübeln. Ich interpretiere das
Zu-Füßen-Legen als Zeichen der Keuschheit, da ich annehme, dass sie sich, hätte
sie sich aus Gründen der Begierde zu ihm gelegt, neben ihn gelegt hätte, und
als Zeichen der Unterwerfung. – Andere Interpretationen sind mir jedoch sehr
willkommen.
Abschließend noch ein Fazit, das mich für die nicht
biblische, dafür wunderbar lebendige Ruth freut: Ihre Namenspatin war
Urgroßmutter Davids und damit in direkter Linie mit Jesus verwandt. Da ich auf
wenig wissenschaftliche Weise dem Gedanken des Nomen est omen anhänge, freue
ich mich für sie.
Julia
Quelle: Lutherbibel 2017
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