Donnerstag, 25. Mai 2017

Das Buch Ruth

Buch Ruth – neuerdings offenbar leider Rut, wie ich an mehreren Stellen feststellen musste. Das schöne, stabilisierende H scheint nicht mehr üblich, schade. Natürlich las ich es, schon meiner Mitautorin Ruths wegen mit besonderem Interesse. Und ich muss gestehen, als ich es – digital und unterwegs – Kapitel für Kapitel anschaute, war es wie bei einem Roman: Ich wollte weiterlesen, denn ich wollte wissen, wie es weitergeht. Das erste Fazit zum Buch ist also ein Kompliment an den/die Verfasser: eine handwerklich gute Geschichte.
Das zweite ist wieder die Feststellung einer Zeitreise, die umso stärker wirkte, als ich eine Übersetzung gewählt hatte, die dementsprechend auch sprachlich das Zeitreise-Gefühl unterstützte. Die historische Zeitreise brachte mich zurück in eine Welt, in der Frauen – offenbar üblicherweise, wenn auch nur in den eigenen Landesgrenzen – ihren Schwiegermüttern dorthin folgten, wohin diese gingen. Denn beide, Ruth und Orpa, wollten der „Schnüre“ (im Insel-Taschenbuch Nr. 152, Das Buch Ruth, für Schwiegermutter) folgen. Erst als Noomi sie davon abhalten möchte, weil sie in ihr Herkunftsland zurückkehrt, scheint die Tatsache, ihr dennoch zu folgen, unüblich zu sein. Wahrscheinlich weil die Schwiegertöchter in Noomis Herkunftsland Fremde sein werden und sich mit dem Dennoch-Mitgehen gegen die Bitte der Schwiegermutter stellen. Schwiegertochter Orpa kehrt denn auch um. Ruth geht mit ihrer „Schnüre“.
Wenn ich mir vergegenwärtige, was Ruth tut, ist es wahrlich bemerkenswert: Denn in der Fremde braucht es mindestens eine Generation um zu wurzeln. Ruth wird - so gesehen - nie Heimat in der Fremde finden. Es ist natürlich ein Liebesdienst mit ihrer Schwiegermutter mitzugehen. Doch mir erschießt sich nicht, was ich daraus für mein Leben schlussfolgern kann. Denn die Geschichte ist aus jüdisch-christlicher Sicht als Hinwendung zu ihrem Gott interpretierbar. Wer die Geschichte aus Sicht der Moabiter erzählen würde, der würde sie als Abkehr von ihrem Gott und ein Verlassen-Müssen der Heimat betrachten.
Zur Zeitreise kommen wieder schöne Versatzstücke Wissenswertes über die Vergangenheit. So lerne ich, dass es Menschen gab, die die Ähren lasen. Bei Wikipedia erfuhr ich, dass das zuweilen auch „stoppeln“ genannt wurde und lange Zeit weit verbreitet war für die Armen der Gesellschaft. Dass laut Bibelempfehlungen die Feldbesitzer so ernten sollten, dass etwas zum Sammeln und Stoppeln übrig blieb.
Ich lerne auch etwas über Sexualität, Familie, Heirat. Boas hatte wie ein anderer Verwandter das Recht und die Pflicht, die Frau des verstorbenen (ich las heraus: Bruders, aber hier meint es wohl: entfernteren) Verwandten zu heiraten, wenn diese kein Kind mit dem Verwandten bekommen hatte und anderweitig das Erbe aus der Familie herausfallen würde. Boas sorgt dafür, den Verwandten unter Zeugen zu treffen und ihn zu fragen, ob er Ruth erben möchte. Das vermag der Verwandte nicht. Also sagt Boas: „Ihr seid heute Zeugen, dass ich von Noomi alles gekauft habe, was dem Elimelech (Ehemann Noomis), und alles, was Kiljon (einer der zwei Söhne) und und Machlon (der andere Sohn) gehört hat. Dazu habe ich mir auch Ruth, die Moabiterin, die Frau Machlons, zur Frau genommen, dass ich den Namen des Verstorbenen erhalte auf seinem Erbteil und sein Name nicht ausgerottet werde unter seinen Brüdern und aus dem Tor seiner Stadt“ (Ruth Kapitel 4, Vers 9 und 10).
Ruth beeindruckt Boas, diesen kräftigen (Übersetzung seines Namens: in ihm ist Kraft/der Potente) und gutmütigen Mann (beides: Wikipedia), weil sie „nicht (...) den Jünglingen nachgegangen (ist), weder reich, noch arm“ und ein „tugendsam Weib“ sei (Ruth 3, Vers 10) und sich zu seinen Füßen legt (Ruth 3, Vers 7). Ich verstehe, dass Ruth hier dem offenbar weisen Rat ihrer Schwiegermutter folgt, aber die Handlung selbst lässt mich grübeln. Ich interpretiere das Zu-Füßen-Legen als Zeichen der Keuschheit, da ich annehme, dass sie sich, hätte sie sich aus Gründen der Begierde zu ihm gelegt, neben ihn gelegt hätte, und als Zeichen der Unterwerfung. – Andere Interpretationen sind mir jedoch sehr willkommen.
Abschließend noch ein Fazit, das mich für die nicht biblische, dafür wunderbar lebendige Ruth freut: Ihre Namenspatin war Urgroßmutter Davids und damit in direkter Linie mit Jesus verwandt. Da ich auf wenig wissenschaftliche Weise dem Gedanken des Nomen est omen anhänge, freue ich mich für sie.

Julia

Quelle: Lutherbibel 2017

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