Montag, 22. Mai 2017

Die Zehn Gebote - 2. Buch Mose, 19 und 20

Die Zehn Gebote sind wohl die bekannteste Bibelstelle, von der jeder schon mal etwas gehört hat. Auch wenn man die Gebote nicht aufsagen kann - ich selbst gebe sie nicht korrekt wider, obwohl ich auch die Zehn Gebote auswendig lernen musste.
Allgemeingültige ethische Regeln sind hier zu finden - etwa "nicht stehlen", "nicht töten" (im Urtext heißt es anscheinend "nicht morden", was noch einmal einen feinen Unterschied macht, denkt man etwa an Pazifismus und Selbstverteidgung im Krieg - aber das ist ein neues, großes Thema), "nicht falsch Zeugnis reden" (das heißt nicht lügen) usw. Es bleibt die Frage, ob diese Regeln damals bereits Konsens waren und hier Einzug in die Heilige Schrift hielten oder ob der Bibeltext spätere Rechtsprechung beeinflusste. Wir Menschen der westlichen Welt berufen uns jedoch auf diesen Text.
Die Parallelen zur Bergpredigt sind, wie bereits  hier erwähnt, sehr auffällig.
Interessant ist auch ein weiterer Hinweis, den ich in einem Kommentar las: In den ersten Geboten (2. Mose 20, Verse 1 bis 6) spricht Gott in der Ich-Person zu seinem Gegenüber: "Ich bin der Herr, Dein Gott..." Danach wechselt der Text zu Gott in der dritten Person, die direkte Ansprache des Gegenübers bleibt erhalten. Hier scheint ein Mittler zwischen Gott und Volk zu stehen, also Mose: "Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen... " (2. Mose 20, Vers 7).
Wikipedia erklärt außerdem, dass das Bilderverbot fundamental zu damaligen anderen Götterkulten stand. Gott behält sich vor, "wem und wie er sich offenbart". Die Zehn Gebote zeigten außerdem. dass Gott nicht im Kult repräsentiert, sondern im Sozialverhalten in allen Lebensbereichen verehrt werden will (siehe hier). Das finde ich eine bemerkenswerte Sicht auf die Zehn Gebote!
Liest man den Text unmittelbar um die Zehn Gebote herum, also ab Kapitel 19, wird deutlich, dass es sich auch um eine Geschichte von einer Gottesbegegnung handelt. Das war für mich, die ich die Zehn Gebote bereits lange und gut kenne, eine neue Entdeckung an diesem Text. Gott will zu seinem Volk reden und gibt ihm Regeln an die Hand, denn ein direkter Kontakt würde sie töten. Sie müssen also in gewisser Distanz ausharren (Kapitel 19, Vers 12). Ab Vers 16 wird Gottes Gegenwart als Donnern und Rauch beschrieben, weil "Gott im Feuer herabfährt". Im Kapitel 20, Vers 21 steht außerdem: "So stand das Volk von ferne, aber Mose nahte sich dem Dunkel, darinnen Gott war." Diese Gottesvorstellung erinnert mich eher an einen Comic als an einen Bibeltext, muss ich zugeben. Interessant ist trotzdem, dass ein so Ehrfurcht gebietender Gott ein sehr direktes und persönliches Angebot macht (das außerdem im Neuen Testament wieder aufgegriffen wird): "Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein" (Kapitel 19, Vers 6). Hier schließt Gott seinen Bund mit dem jüdischen Volk. Priester bedeutet ja, einen direkten Draht zu Gott haben, sich etwa im Gottesdienst ihm zu nähern, zu beten etc. Dieser alte Bund (deswegen auch Altes Testament) bedeutet aber, dass eben bestimmte Gesetze und Reinigungsvorschriften eingehalten werden müssen, damit man sich Gott nähern kann. Die Zehn Gebote sind quasi nur die grobe Grundlage, es folgen unendlich viele detailreiche Gesetze in der Bibel, die für uns kaum mehr nachvollziehbar sind. Dazu gehört, dass das Blut von Opfertieren symbolisch die Schuld von dem Menschen nimmt, der Gott begegnen will, was aber immer wieder neu geschehen muss.
Im Neuen Testament (= neuen Bund) nimmt Jesus als "Opferlamm", wie er auch bezeichnet wird, diese Unreinheit ein für allemal vom Menschen, so dass nichts zwischen diesem Heiligen Gott und dem Menschen mehr steht. Und hier gilt das Auserwähltsein eben auch nicht mehr nur dem jüdischen Volk, sondern allen gleichermaßen. Ich erinnere noch einmal an den zerissenen Vorhang im Tempel als Jesus am Kreuz stirbt.
Das heilige, auserwählte Volk Gottes zu sein, bedeutet aber immer noch Vorrecht und Verpflichtung in einem. Im 1. Petrusbrief, Kapitel 2, Vers 9 wird der Bund, den Gott mit Israel geschlossen hat, fast wortwörtlich auf Christen übertragen, d.h. auf die Menschen, die an Jesus glauben und seine Lehre annehmen: "Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht.". Im 1. Petrus, 2 zählt zu den Pflichten, Jesus als Herrn anzuerkennen, der von Gott kam, und ein rechtschaffenes Leben zu führen, Gutes tun aus Freiheit usw.
Das sind die absoluten Grundlagen des christlichen Glaubens und ich bin selbst erstaunt, wieviel davon bereits in dem Text über die Zehn Gebote steckt!

RuthRoyal

Quelle: Lutherbibel 2017

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