Samstag, 27. Mai 2017

Das Buch Ruth

Das Buch Ruth verfolge ich auf Grund meines Namens natürlich mit besonderem Interesse. (Und ich mag die Schreibweise ohne "h" ebenso überhaupt nicht!) Aber auch sonst hat es einiges Bemerkenswertes an sich: Zunächst einmal ist es eine der wenigen Geschichten, in der eine Frau im Zentrum des Geschehens steht, streng genommen sogar zwei Frauen. Neben Esther ist es das einzige Buch im Alten Testament, das nach einer Frau benannt wurde. (Zählt man die Bücher der Apokryphen nicht mit.)
Darüber hinaus geht es hier um eine Frau, die nicht zum jüdischen Volk gehört. Und trotzdem - wie schon Julia ganz richtig bemerkte - wird sie in direkter Linie als Vorfahrin des großen Königs David und damit auch von Jesus genannt! In den Ahnenreihen der Bibel werden hauptsächlich Männer aufgezählt. Ruth wird aber sogar am Anfang des Neuen Testaments genannt, nämlich in Matthäus 1, Vers 5 - als Vorfahrin Jesu.
Das Buch Ruth - so habe ich mir mal von einem Theologiestudenten erklären lassen - ist auch erzählerisch und sprachlich im Hebräischen eine besonders schöne Geschichte. Auf der einen Seite zoomt die Erzählung zur Mitte hin zeitlich und räumlich nah heran und entfernt sich danach wieder. Sie ist also vom Erzählaufbau her wohl durchdacht zum Höhepunkt hin geschrieben. Die Ereignisse verdichten sich, als Ruth versucht, Boas für sich zu gewinnen. Auf der anderen Seite sollen im Buch Ruth im Hebräischen schöne Wortspiele vorhanden sein (was ich aufgrund mangelnden Wissens nicht belegen kann).
Ich schätze hier auch, dass die Geschichte kurz und in sich geschlossen gelesen werden kann, trotzdem spannend ist und uns viel über das praktische Leben, aber auch die Rechtslage im damaligen Israel beibringt.
Inhaltlich sind zwei Dinge bemerkenswert: Es werden hier zwei Fluchtgeschichten erzählt. Die ins Land der Moabiter der Familie um Noomi, die aufgrund einer Hungersnot floh. Und die der Noomi mit ihren Schwiegertöchtern zurück, womit die Schwiegertöchter zu Fremden wurden. Anscheinend war es rechtlich so geregelt, dass die Schwiegertöchter in die Familie des Mannes integriert wurden und somit mitgehen mussten. Noomi erkennt, was das für ein Opfer für die jungen Frauen ist, und lässt sie frei. Ruth aber betont, ihre Treue zur Schwiegermutter (Ruth 1, Verse 16 b und 17). Der Name Ruth bedeutet "Freundschaft" oder "Freundin" und der Vers 16 b wird außerdem gerne als Trauspruch verwendet: "Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott."
Das sind, denkt man genau darüber nach, in unserer individualistisch geprägten Gesellschaft sehr herausfordernde Worte. Ruth gibt ihre eigene Identität ihres Volkes und sogar ihren (bisherigen) Glauben auf und ordnet sich ihrer Schwiegermutter ganz und gar unter. Und das, obwohl sie wirtschaftlich alles andere als abgesichert ist - denn kein männliches Familienmitglied ist mehr übrig, das heißt, es gibt keinerlei Versorgung für die Witwen. Mit diesem Satz sagt Ruth aber auch, dass sie dem Gott Noomis vertraut.
Im weiteren Verlauf kommt Gott gar nicht so explizit vor. Noomi ist eine weise Frau und gibt Ruth Tipps, wie sie es anstellen soll, einen guten Mann zu finden, der sie versorgt (und damit auch die Schwiegermutter), auch wenn er wohl nicht mehr ganz jung und (vielleicht) gut aussehend war. Ruth deckt in der Nacht, als Boas sich offensichtlich "guter Dinge" getrunken und schlafen gelegt hatte, seine Füße auf. Ob es nur die Füße waren? Denkbar ist auch, dass das nur eine Umschreibung ist und dass Ruth bei ihm den Eindruck erweckt, er habe mit ihr geschlafen. Eine weibliche erotische List also, obwohl Ruth bei ihm angesehen für ihre Ehrbarkeit ist, und er seine nun folgende Pflicht gerne erfüllen möchte. Als Zeichen dafür breitet er sein Gewand über ihr aus - sie soll also zu ihm gehören. Danach zoomt die Geschichte wieder zurück, es werden die rechtlichen Dinge um das Erbe und eine Heirat geregelt.
Am Ende (Ruth 4, Vers 13) wird Gott noch einmal erwähnt: Er "gab" ihr, "dass sie schwanger ward". Somit segnet er ihre Ehe, ihre Schwiegermutter und gibt Ruth einen bedeutenden Platz in der Geschichte seines Volkes. (Es ist auffallend, wie voll die Bibel von Geschichten zum Thema Unfruchtbarkeit/Kindersegen ist.  Noch heute sind in vielen Kulturen Kinder die Garantie für die Versorgung im Alter. Aber sie machen eben auch das Leben reicher und stiften ihren Eltern einen sehr greifbaren Sinn.)
Inhaltlich ziehe ich zwei Schlüsse aus der Geschichte Ruths: Gott beweist mal wieder, dass er die vom Rand der Gesellschaft (eine Fremde) ins Zentrum seines göttlichen Plans stellen kann. Er macht damit wieder mal etwas, was dem menschlichen Verstand zuwider läuft (man denke an die Seligpreisungen der Bergpredigt). Außerdem greift Gott gar nicht so direkt ins Leben der Ruth ein. Es gibt keine Belege, dass er selbst zu ihr gesprochen hätte. Sie wird als eine Frau beschrieben, die treu ist, auf klugen Rat hört, fleißig ist, sich in die Rechtslage und Gesellschaft integriert, aber auch ihre erotische Karte gut ausspielt. Für ihre vom Verstand her klugen Entscheidungen wird sie von Gott am Ende gesegnet und ebenso die Menschen, um sie herum. Ein Plädoyer also, seinen Verstand und sein Gottvertrauen, seine Hoffnung und die eigene Tat im Leben zu kombinieren - und nicht nur eines davon zu betonen und damit zu scheitern.

RuthRoyal

Quelle: Lutherbibel 2017

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