Dienstag, 2. Mai 2017

Das Hohelied der Liebe - 1. Korinther 13

Ein Text, den ich auszugsweise kenne – als ansprechendes Stückwerk auf Postkarten oder in Liedern, in schöngeistiger Literatur, in Filmen, gern in Hochzeitszenen. – Ich glaube, diese Passagen sind deshalb populär, weil man sie unabhängig von der Bibel anwenden kann. Etwas, das auch ich bei diesem Kapitel versuchte.
Schon beim Anfang: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“ (Korinther 13, Vers 1) Vielleicht heißt das, man sei ohne liebevolle Absicht nur laut, ohne damit einen (wichtigen) Inhalt zu vermitteln. Und meint Vers 3 wirklich, dass die Selbstverbrennung einen Sinn hätte, etwas nütze, wie es an der Stelle heißt, aber eben nur mit Liebe? Bei dem Teilsatz „Erkenntnis vergeht“ dachte ich an Manu und fragte mich, ob sie darüber schreiben wird, da mir scheint, die eigene Erkenntnis ist das einzige, woran der sie erlebende Mensch festhalten kann. Und schreibe ich der Liebe die Eigenschaften zu, die ihr in mehreren Versen zugeschrieben werden? Geduld und Güte, sich nicht zu ereifern, sich zurückzuhalten, sich nicht größer zu machen, als sie ist (Korinther 13, Vers 4) und weiter: „Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“ (Verse 5-7) – Ist die Liebe so? Die Liebe, wie ich sie kenne? Zwischen zwei Liebenden? Zwischen Eltern und Kindern? Zwischen Freunden?
Geht es um diese Liebe überhaupt? – Diese darüber stehende Frage beantwortete ein in der Bibel Bewanderter am Wochenende, der damit all meine vorherigen Überlegungen ad absurdum führte. – Danke Alexander!
Er meinte: In diesem Text gehe es um Gottesliebe. Um Liebe zwischen zwei Menschen gehe es nicht. Im griechischen Original stehe an all diesen Stellen „Agape“, Gottesliebe. Sie sei klar zu unterscheiden von – beispielsweise – der zwischenmenschlichen Liebe, Eros.
Das macht mein vorheriges Ansinnen zunichte. Denn genau das versuchte ich: Den heutigen Liebesbegriff auf den knapp 2000 Jahre alten Text anzuwenden, den ich in einer Übersetzung lese, die im Grunde nur einen Liebesbegriff kennt. Denn natürlich kenne ich verschiedene Arten von Sympathie, Vertrauen, nun: Liebe – dennoch denke ich bei solchen Texten allein an die Liebe zwischen zwei Erwachsenen.
Ich glaube, diese Fehlinterpretation teile ich mit sehr vielen Menschen, die ohne Unterstützung diesen Abschnitt lesen. Durchaus möglich, dass diese Interpretation erst ab vorigem Jahrhundert um sich griff, weil erst dann das Bibellesen und regelmäßig ausgelegt zu bekommen, nicht mehr für jeden zum Alltag gehörte.
Wenn ich nun trotzdem meine Interpretation des Liebesbegriffs anlege, ist mein Fazit: Es wäre wunderbar, wenn die Liebe so wäre, wie beschrieben. Ich möchte, dass es stimmt. Doch die Liebe schwebt nicht irgendwo, um sich plötzlich auf die Dinge und Menschen zu legen. Wir Menschen sind es, die lieben. Für uns kann diese Beschreibung ein anzustrebendes Ideal sein. Im gelebten Alltag ist sie es nicht. Sind wir nicht derart liebend.


Julia


Quelle: Einheitsübersetzung

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