Auch diese Bibelstelle ist ein Klassiker. Am geläufigsten sind sowohl Verse 4 bis 7 (die Beschreibung wie Liebe ist), als auch der Vers 13: "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen."
Julia hat bereits ganz richtig darauf verwiesen, dass hier im Griechischen das Wort "Agape" für Liebe steht. Gemeint ist damit die göttliche Liebe, die sich in ihrem Wesen von Eros, Storge und Philia unterscheidet, die menschliche Formen der Liebe sind. Allerdings wird im Neuen Testament "Agape" und "Philia", die freundschaftliche Liebe, oft sogar synonym verwendet, sodass bereits der Kirchenvater Augustinus darauf verwies, dass die Begriffe der göttlichen und menschlichen Liebe weitestgehend gleichwertig verwendet werden.
Wikipedia erklärt "Agape" auch als eine "von Gott inspirierte uneigennützige
Liebe" und verweist darauf, dass sie "eine willentliche Entscheidung aus der Wertschätzung heraus ist,
die jedem gebührt, während Philia sich auf Menschen richtet, mit
denen man besonders verbunden sein möchte. Deswegen kann zu Agape (Liebe
zum Mitmenschen wie zu sich selbst und zu Gott) aufgefordert werden, zu
Philia nicht."
Soweit zu den Begrifflichkeiten. Auch wenn ich weiß, dass hier eine göttliche Liebe beschrieben wird, deren hohes Ideal kein Mensch erreichen kann, ist es meiner Meinung nach ganz klar eine Aufforderung auf diese Weise dem Nächsten zu begegnen. Ich denke bei der Beschreibung der Liebe in den Versen 4 bis 7 an einen Film, den ich 2010 im Kino sah: "Von Menschen und Göttern". In dem Film von Xavier Beauvois geht es um neun französische Trappistenmönche, die in Algerien in einem Kloster leben. Es wird meditativ ihr Tagesrhythmus gezeigt; wie sie beten, schweigen oder singen und sich um die Kranken aus dem muslimischen Dorf kümmern. Dann rückt der algerische Bürgerkrieg näher, die Mönche werden von Islamisten, aber auch vom Militär bedroht und entscheiden sich unter dem Intellektuellen Abt Christian, der auch den Koran kennt, ihre Feinde zu lieben - und bis zum Letzten auszuharren. Angst und Gewalt brechen ins Kloster ein, aber die Mönche bleiben.
Obwohl es von den filmerzählerischen Elementen her ein langweiliger Film ist, der auch noch mit theologischen Diskussionen aufwartet, sahen ihn in Frankreich nach seinem Erscheinen innerhalb weniger Wochen zwei Millionen Zuschauer. Eine Sehnsucht nach dieser Art von Liebe wird im Film geweckt, auch mich berührte diese Liebe zu Andersgläubigen sehr. Und zuallererst blieben die Mönche ja nicht wegen der Extremisten, die ihnen mit Gewalt begegneten, sondern wegen der Dorfbewohner, die zwar ihren christlichen Glauben nicht teilten, mit denen sie aber in Frieden gelebt hatten.
Schon oft habe ich von Christen gelesen, die bedrängt wurden - besonders von radikalen Moslems oder atheistischen Kommunisten. Ich habe wahre Geschichten (wie die aus dem Film) gehört, wie Christen in solchen Situationen eine geradezu übermenschliche Kraft geschenkt bekamen. Und ich habe persönlich Christen getroffen, die aus solchen Situationen fliehen mussten. Im letzten Jahr interviewte ich beispielsweise drei Iraner, die zum Christentum konvertiert waren - darauf steht im Iran die Todesstrafe! Setzt man diese Hintergründe an, bekommt die Liebe eine ganz neue Bedeutung, wie sie hier beschrieben wird.
Neu war mir an der Lutherbibel, die 2017 überarbeitet herausgegeben wurde, der Satz Liebe "lässt sich nicht erbittern". Das finde ich sehr herausfordernd und wunderschön zugleich.
Denn auch für uns ganz normale Christen, in unserem Alltag mit Partnern, Kindern, Mitmenschen darf die göttliche Liebe ein Vorbild und Ansporn sein, sich daran zu orientieren. Immer mit dem Wissen, dass ich noch "Stückwerk" vollbringe - dass ich nicht vollkommen sein kann, weil ich Mensch bin, der hier auf dieser Erde lebt.
RuthRoyal
Quelle: Lutherbibel 2017
"4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles."
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