Dienstag, 16. Mai 2017

Die Zehn Gebote - 2. Buch Mose, 19 und 20

Die zehn Gebote – Ruth hat recht, sie sind nur folgerichtig (und wären natürlich auch vorausgeh-richtig), wenn man die Bergpredigt gelesen hat und als Jesus` Auslegung und Weiterentwicklung dieser Gebote versteht. Mir brachten sie die seit längerem erhoffte Möglichkeit, mich mit einer anderen Übersetzung zu beschäftigen.
Ich hatte schon vor langer Zeit von Martin Bubers ungewöhnlicher Übersetzung – oder eher Übertragung – der Bibel gelesen. Als Jude hatte er das Alte Testament ins Deutsche übertragen und ist nah an der Originalsprache geblieben, was Melodie und Textverständnis betrifft. Nun war diese Übersetzung nicht leicht zugänglich, aber es gab eine Internetseite, die immerhin ein paar Auszüge seiner Arbeit bereithält. Die zehn Gebote, bei ihm „Dekalog“, gehören dazu (Link zur Übertragung).
Sie klingen anders und enthalten wunderbare Wortneuschöpfungen. Denen unterstelle ich, dass sie nahe der Ausgangssprache sind. Ohne die bekanntere Übersetzung (bei mir dieses Mal: Lutherbibel 1984) hätte ich sie jedoch nicht verstanden. Ein typischer Satzbau hier liest sich so: „Nicht sei dir andere Gottheit mir ins Angesicht.“ (Auf der Internetseite werden keine Versnummern angegeben – aber es ist Vers 3.) Gleich darauf eine Wortschöpfung: „Nicht mache dir Schnitzgebild ...“ (Vers 4) Andere Beispiele dieser Fähigkeit, neue Wörter zu erschaffen: „ein Tagsechst“ (sechs Tage, die man arbeitet), „Gastsasse“ (in der Lutherbibel1984: „Fremdling“), „allirgend“ („... noch alles, was dein nächster hat“).
Ich glaube, dass Sprache etwas über die Wahrnehmung derer sagt, die sie nutzen. Wenn man der Annahme folgt, ist das Wort „Tagsechst“ einer Bemerkung wert. Hier wird die Woche wörtlich in ihre Einzelteile zerlegt, ohne dass man darüber nachdenken muss. Im Deutschen lässt sich aus „Woche“ nicht schlussfolgern, wie viele Tage sie beinhaltet. Ein anderes Beispiel ist dies: „Aussage nicht gegen deinen Genossen als Lügenzeugen.“ In der Lutherübersetzung: „Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ (Kapitel 20, Vers 16) Hier steckt für mich einerseits ein anderes Verhältnis der Menschen untereinander drin – sie sprechen von „Genossen“ (was für mich abzüglich der sozialistischen Prägung beinhaltet, dass es eine Gemeinschaft ist, die nicht verwandt ist, ich stelle mir gleich einen Kibbuz vor). Beglückend wie bezeichnend finde ich auch „Lügenzeugen“, denn das trifft ja den Kern von falscher Behauptung einer Wahrnehmung.
Inhaltlich sind die zehn Gebote natürlich eine sinnvolle Gesetzessammlung, die in den meisten Punkten bis heute nahezu überall im Recht zu finden ist. Mich stieß jedoch die harsche Haltung gegenüber Ungläubigen ab. Diesbezüglich freue ich mich über das bürgerliche Recht, das solcherlei Sippenhaft, womöglich noch nach Generationen, nicht kennt.

Julia

Quelle: Lutherbibel 1984

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen