Die zehn Gebote – Ruth hat recht, sie sind nur folgerichtig
(und wären natürlich auch vorausgeh-richtig), wenn man die Bergpredigt gelesen
hat und als Jesus` Auslegung und Weiterentwicklung dieser Gebote versteht. Mir
brachten sie die seit längerem erhoffte Möglichkeit, mich mit einer anderen
Übersetzung zu beschäftigen.
Ich hatte schon vor langer Zeit von Martin Bubers
ungewöhnlicher Übersetzung – oder eher Übertragung – der Bibel gelesen. Als
Jude hatte er das Alte Testament ins Deutsche übertragen und ist nah an der
Originalsprache geblieben, was Melodie und Textverständnis betrifft. Nun war
diese Übersetzung nicht leicht zugänglich, aber es gab eine Internetseite, die
immerhin ein paar Auszüge seiner Arbeit bereithält. Die zehn Gebote, bei ihm
„Dekalog“, gehören dazu (Link zur Übertragung).
Sie klingen anders und enthalten wunderbare
Wortneuschöpfungen. Denen unterstelle ich, dass sie nahe der Ausgangssprache
sind. Ohne die bekanntere Übersetzung (bei mir dieses Mal: Lutherbibel 1984)
hätte ich sie jedoch nicht verstanden. Ein typischer Satzbau hier liest sich
so: „Nicht sei dir andere Gottheit mir ins Angesicht.“ (Auf der Internetseite
werden keine Versnummern angegeben – aber es ist Vers 3.) Gleich darauf eine
Wortschöpfung: „Nicht mache dir Schnitzgebild ...“ (Vers 4) Andere Beispiele
dieser Fähigkeit, neue Wörter zu erschaffen: „ein Tagsechst“ (sechs Tage, die
man arbeitet), „Gastsasse“ (in der Lutherbibel1984: „Fremdling“), „allirgend“
(„... noch alles, was dein nächster hat“).
Ich glaube, dass Sprache etwas über die Wahrnehmung derer
sagt, die sie nutzen. Wenn man der Annahme folgt, ist das Wort „Tagsechst“ einer
Bemerkung wert. Hier wird die Woche wörtlich in ihre Einzelteile zerlegt, ohne dass
man darüber nachdenken muss. Im Deutschen lässt sich aus „Woche“ nicht
schlussfolgern, wie viele Tage sie beinhaltet. Ein anderes Beispiel ist dies: „Aussage
nicht gegen deinen Genossen als Lügenzeugen.“ In der Lutherübersetzung: „Du
sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ (Kapitel 20, Vers 16)
Hier steckt für mich einerseits ein anderes Verhältnis der Menschen
untereinander drin – sie sprechen von „Genossen“ (was für mich abzüglich der
sozialistischen Prägung beinhaltet, dass es eine Gemeinschaft ist, die nicht
verwandt ist, ich stelle mir gleich einen Kibbuz vor). Beglückend wie
bezeichnend finde ich auch „Lügenzeugen“, denn das trifft ja den Kern von
falscher Behauptung einer Wahrnehmung.
Inhaltlich sind die zehn Gebote natürlich eine sinnvolle
Gesetzessammlung, die in den meisten Punkten bis heute nahezu überall im Recht
zu finden ist. Mich stieß jedoch die harsche Haltung gegenüber Ungläubigen ab.
Diesbezüglich freue ich mich über das bürgerliche Recht, das solcherlei Sippenhaft,
womöglich noch nach Generationen, nicht kennt.
Julia
Quelle: Lutherbibel 1984
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